14. Juni – Wir sagen: «Üs langets!»
«Üs langets!» – unter diesem Motto macht der Feministische Streik St. Gallen am 14. Juni 2026 sichtbar, dass Erschöpfung, Gewalt und Ungleichheit für Frauen und queere Menschen keine Einzelfälle sind, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. Statt einer Demonstration findet dieses Jahr ein zweitägiges Programm mit vielfältigen Aktivitäten statt.
Unsere Erschöpfung hat System
Wir arbeiten, putzen, pflegen, erziehen und sind ständig für andere da. Wir organisieren, hören zu, trösten und motivieren. Wir sollen stark sein und gleichzeitig freundlich wirken, funktionieren und lächeln, auch wenn die Belastung längst zu gross ist. Die Anforderungen werden immer mehr und bleiben unerreichbar. Wir können ihnen gar nicht genügen.
Die Erschöpfung von Frauen ist kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis eines Systems, das auf Sexismus, unbezahlter Care-Arbeit und fehlender Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit basiert. Es ist ein System, das Menschen, die als Frauen gelesen werden, strukturell ausbeutet. Noch schlimmer trifft es Personen, die von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind, etwa aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Behinderungen, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. «Dagegen wehren wir uns. Wir wollen auch dieses Jahr am 14. Juni zusammenkommen, laut werden und einfordern, was uns zusteht: Zeit, Erholung, Sicherheit, Freiheit, Freude – und eine Gesellschaft, die uns Raum zum Leben lässt», sagt Andrea Scheck vom Feministischen Streik St. Gallen.
Bis wir uns sicher fühlen können!
Bereits 11 Feminizide bis Mai 2026 in der Schweiz, die Epstein Files, der Fall Collin Fernandes, Berichte über sogenannte «Rape-Academy»-Angebote, in denen Männer angeblich lernen, ihre Partnerinnen zu sedieren, um sie danach zu missbrauchen – diese und weitere Fälle von sexualisierter Gewalt im digitalen und analogen Raum zeigen ein klares Muster. «Immer wieder wird deutlich: Wir können uns nicht sicher fühlen. Nicht auf der Strasse, nicht im Club, nicht zu Hause, nicht in Beziehungen. Nie. Diese permanente Unsicherheit prägt unseren Alltag. Sie macht wachsam, wütend und müde und wird gesellschaftlich noch immer viel zu oft bagatellisiert», sagt Alice Froidevaux vom Feministischen Streik St. Gallen.
Obwohl sich die Fälle in Ausmass und Brutalität zu überbieten scheinen, bleibt der Eindruck von Straffreiheit, insbesondere bei mächtigen und reichen Tätern. Gleichzeitig erhält geschlechtsspezifische Gewalt oft zu wenig und zugleich verzerrte Aufmerksamkeit: Durch mediale Narrative, die Betroffene hinterfragen, Täter und Opfer umkehren und Gewalt individualisieren, wird das Problem nicht benannt, sondern verschoben. Während derzeit verstärkt über eine «männliche Einsamkeit» als gesellschaftliche Krise diskutiert wird, bleibt die systematische Gewalt gegen weiblich gelesene und queere Personen unsichtbar. «Wann beginnen wir, von einer Epidemie der Gewalt gegen FLINTAQ*-Personen[1] zu sprechen?», fragt Froidevaux weiter. Am 14. Juni soll den Betroffenen von Gewalt gedacht werden, es soll ein sicherer Raum für Solidarität entstehen, für gegenseitige Stärkung und für Schutz.
Ankündigung: Es wird gross – Care Streik 2027!
Im Anschluss an den diesjährigen feministischen Streik richten wir den Blick bereits nach vorne: Der 14. Juni 2027 wird gross! Gemeinsam mit den feministischen Streikkollektiven in der ganzen Schweiz ruft auch der Feministische Streik St. Gallen für nächstes Jahr zu einem überregionalen Care-Streik auf, unterstützt vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund.
Care-Arbeit ist das Fundament unserer Gesellschaft: Niemand von uns kann überleben, ohne dass sich jemand um uns kümmert, uns erzieht, ernährt und im Alter pflegt. Diese Arbeit geschieht zu einem grossen Teil unsichtbar und unbezahlt, in der Familie und zuhause. Ebenfalls wird diese Arbeit überproportional von Frauen geleistet und durch intersektionale Diskriminierungen – entlang von Geschlecht, Migration oder sozialer Herkunft – zusätzlich unsichtbar gemacht und ungleich verteilt. Diese Mehrfachbelastung zieht Stress, Erschöpfung und langfristig finanzielle Probleme nach sich.
Unter dem Motto «Do you care?» stellt der Care-Streik 2027 die Frage nach Verantwortung, Sichtbarkeit und Gerechtigkeit neu. Denn für uns ist klar: Wir kümmern uns – aber nicht unter diesen Bedingungen.
Programm 2026
Samstag, 13. Juni 2026
| 10:00h – 16:00h | Wir machen Pause! Ruheoase – Infostand – Performances Bär*innenplatz / Marktgasse St. Gallen |
| 20:00h | Feministisches Soliquiz Grabenhalle St. Gallen |
| 22:00h | Konzert mit PAULINKO (D) & CAPSLOCK SUPERSTAR (CH)
Grabenhalle St. Gallen |
Sonntag, 14. Juni 2026
| 14:00h – 18:00h | Wir sind laut! Kundgebung – Glace und Getränke – Daydance Stadtpark St. Gallen (bei schlechtem Wetter Webseite / Instagram beachten.Reden von Vertreter*innen des Frauenhauses St. Gallen, von AIDA Bildung & Begegnung, des LGBTQIA+-Treffs Otherside und von Omas gegen Rechts sowie von der SP-Co-Fraktionspräsidentin Lydia Wenger und Noemi Grütter zur Intersektion von Gender- und Klimagerechtigkeit. Musik von DJ gruenfunkel & DJ Pa-Tee |
[1] FLINTAQ* steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans, agender und queere Personen.