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Das Werk der weiblichen Hitchcocks – mehr als ein Frauenfilm

Das Werk der weiblichen Hitchcocks – mehr als ein Frauenfilm

«The Girl on the Train» lief vor einigen Tagen in den Kinos an. Die Geschichte nach dem Bestseller von Paula Hawkins verspricht Hitchcock-Charakter.

Hitchcock erklärte einmal den Unterschied zwischen Spannung und Überraschung und machte einen anschaulichen Vergleich: Das Kinopublikum sieht zwei Menschen, die sich an einem Tisch unterhalten, bevor ganz plötzlich eine Bombe expolodiert. Im zweiten Szenario sieht das Publikum, wie jemand die Bombe unter dem Tisch versteckt und wie der Zeitzähler während des Gesprächs der beiden Personen herunterzählt. «Im ersten Falle haben wir dem Publikum ein paar Sekunden Überraschung geschenkt, im zweiten Fall 15 Minuten Spannung», sagte der legendäre Krimi-Filmemacher.

Mit «The Girl on the Train» kommt nun ein Thriller ins Kino, der aus Hitchcocks Erbe stammt. Schon die Eröffnungsfrequenz ist eine Hommage an den «Master of Suspense» und erinnert an «Das Fenster zum Hof»von 1954. Wie James Stewart damals aus dem Wohnzimmerfenster blickte, wird nun Schauspielerin Emily Blunt als Rachel mit einem Blick aus dem Zug zur Voyeurin und versehentlichen Zeugin eines Verbrechens.

Rachel beobachtet eine junge «Hitchcock-Blondine» namens Megan, die auf ihrer Terrasse unweit der Geleise ihren Ehemann betrügt und kurz darauf spurlos verschwindet. Die zuständige Detektivin vermutet ein Gewaltverbrechen und bald zählt, nebst Megans Ehemann und der Affäre, auch Rachel, das Mädchen vom Zug – eine geschiedene Alkoholikerin mit Hang zu Gedächtnislücken – zum Kreis der Verdächtigen.

Die Suche nach dem mutmasslichen Mörder mutiert zum psychologischen Kammerspiel. Wie bereits die 2013 erschienene Romanvorlage, entpuppt sich auch die mehrheitlich treue Kinoumsetzung von «The Girl in the Train» als feministisches Furioso. Hier hat der Film Hitchcock wirklich einiges voraus: Die Protagonistinnen sind keine Objekte, sondern Subjekte mit einer eigenen Innensicht. Die dezidiert weibliche Handschrift der Romanautorin Paula Hawkins und der Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson ist unverkennbar.

Es geht den Schaffern des Filmes um systematische Gewalt gegen Frauen, um den Würgegriff des Patriarchats und um die Überwindung der Opferrollen. Dies sind Themen, die Hollywood meist nicht zu bieten hat. Stark ist auch Hauptdarstellerin Emily Blunt: Die 33-jährige Britin findet in der Rolle der alkoholkranken Frau, die nicht einmal sich selber traut, stets die Balance zwischen selbstzerstörerischem Impuls und nüchterner Entschlossenheit.

Doch ausgerechnet das, was die Essenz eines Thrillers betrifft, ist den Schaffern des Filmes nicht wie damals Hitchcock gelungen. Die ganz grosse Spannung fehlt oft. Stattdessen setzt der Film auf Überraschungen zum Schluss, die sich aber lange vorher schon abzeichnen. Wie die meisten von Hitchcocks Nachahmern hat auch «The Girl in the Train» die wichtigste Lektion des Masters verpasst: Spannung ist keine Sache von schnellen Sekunden, sondern von geduldigen Minuten. Trotzdem aber ist der Frauen-Thriller höchst sehenswert.

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