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Dem Jugendstil ist in St. Gallen überall zu begegnen

Dem Jugendstil ist in St. Gallen überall zu begegnen

St. Gallen ist Buchstadt, Textilstadt und vor allem Jugendstil-Stadt. Bis heute ist hier der Jugendstil präsent. Angefangen von den Stickerei-Geschäftshäusern bis zum Broderbrunnen und den verschiedensten Kunstobjekten in Privatbesitz. Das Historische und Völkerkundemuseum HVM hat in seiner Dauerausstellung einen Raum eingerichtet, der neue Blicke auf ein wichtiges Stück St. Galler Stadtgeschichte bietet.

Hintergrund des St. Galler Jugendstils ist bekanntlich der Stickerei-Boom. Er bot die wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen dafür, dass St. Gallen zur Jugendstil- Stadt werden konnte. Der neue Ausstellungsraum im HVM zeigt Bekanntes und Unbekanntes. Zu den Highlights gehören Skulpturen, Holzschnitte und Gemälde, eine Tischlampe in Gestalt der damals weltberühmten amerikanischen Tänzerin Loie Fuller, die 1908 einen Auftritt in St. Gallen hatte. Nicht zu vergessen aber auch der Knabe auf dem Delphin vom Broderbrunnen. Fehlen darf auch nicht der japanische Farbholzschnitt der St. Galler Künstlerin Martha Kunz, die zur Blüte des St. Galler Jugendstil einen wesentlichen Beitrag geleistet hat.

Neue Farbigkeit

Als «Jugendstil» wird die kulturelle Epoche zwischen 1895 und 1914/1021 bezeichnet: das Aufbegehren der Jugend gegen das Alte. Den Namen erhielt die Bewegung von der Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend, die 1896 in München erstmals herausgegeben wurde. Jugendstil ist kein einheitlicher Stil, sondern eine internationale Bewegung, mit dem gemeinsamen Ziel der Erneuerung von Kunst, Kunstgewerbe und Architektur. Besondere Merkmale sind die lineare und florale Formensprache, Betonung der Fläche, die neue Farbigkeit, die andersartigen Motive sowie die neuen Materialien.

Vor 110 Jahren

Welche Bedeutung die Stickerei-Stadt St. Gallen seinerzeit beinahe auf der ganzen Welt hatte, beweist der Auftritt der Serpentinen-Tänzerin Loie Fuller. Im St. Galler Stadtanzeiger vom 6. Oktober 1908 heisst es dazu: «Eine Nachricht, die gewiss das Publikum interessieren wird, ist die, dass die berühmte Serpentinen-Tänzerin Loie Fuller, deren Name und deren Kunst vor einigen Jahren eine vollständige Umwälzung in der Tanzkunst heraufgebracht hat, ein einmaliges Gastspiel an diesem Stadttheater geben wird. Fräulein Loie Fuller ist die Erfinderin des Serpentinentanzes, den sie in einer Vervollständigung ausführt, wie sie keine ihrer vielen Epigoninnen erreicht hat. Das übrige Programm des Abends wird durch Musik, dramatische Akademien, ausgefüllt. Es soll besonders den neu engagierten Mitgliedern Gelegenheit geboten werden, sich durch persönliche Vorträge dem Publikum vorzustellen».

Das Stadttheater machte die Veranstaltung folgendermassen publik: «Stadt- und Aktien-Theater St. Gallen Direktion: Paul von Bongardt. Donnerstag den 8. Oktober 1906, abends 8 Uhr: Schauspielpreise». Und das St. Galler Tagblatt berichtete am 10. Oktober 1908 darüber: «Stadttheater: Am Donnerstag, den 8. Oktober hat uns das Theater Gelegenheit gegeben, die dank ihrer Erfindung oder vielleicht Wiedererfindung des Serpentinentanzes zu Weltruhm gekommene Loie Fuller zu sehen. Aus dem allgemeinen Cancanstil heraus, hat sie ihren eigenen lyrischen Stil gefunden. Ihre Linien waren ursprünglich Cancanlinien, nur wundervoll abgerundet und abgetönt zu durcheinandergleitenden Regenbögen der Gewandung; das Froufrou schien sichtbar, geworden in einem Rausche von Rot, Gelb, Blau, Blaurot, Rotgelb, Gelbgrün, Grünblau und all den anderen unzähligen Übergängen und Mischungen.

Schon damals  verstand es die Fuller, den Wechsel der über sie eilenden Farbtöne mit ihren Bewegungen genau in Übereinstimmung zu bringen und zu halten. Heute sind diese ursprünglichen Cancan-Linien nur noch im Umriss ihres Tanzmasses erkennbar, gebändigt geradezu von der Magie der Meisterschaft; sie steigen hinauf, wie ein schwellend Päan und haben eine steile, hochgeschwungene Ornamentik, die wirkt, wie die reinste Skulptur….. in ihrem Entwicklungsgange hat sie den Übergang vom Impressionismus zur Plastik gefunden und diesen Weg in ihrer Darbietung am Donnerstag in eine wundervolle Farbenorgie verdeutlicht…..»

Tanzstar und Modekönigin

. Die Ostschweiz schreibt am 19. März 1893:… «Selten aber noch hat eine neue Erscheinung im Kunstreich eine derartige Mode-Revolution hervorgerufen, als dies eben Madame Loie Fuller, die amerikanische Serpentinen-Tänzerin zu Stande bringt. Dass sie in ihrer ureigenen Domäne, dem Tanze auf der Bühne, alle Traditionen über den Haufen warf, ist bekannt, nun aber fährt sie wie eine Rakete in die Mode-Ateliers und hinterlässt all überall leuchtende Spuren. Keine Branche der Mode konnte sich ihrem Einfluss entziehen».

Magierin des Lichts

Loie Fuller, eigentlich Marie Louise Fuller (15. Januar 1862 -1.Januar 1928) aus Fullersburg Illinois, war eine amerikanische Tänzerin, Schlangentänzerin, Serpentinentänzerin und Erfinderin. Sie war eine Wegbereiterin des modernen Tanzes und der Lichtspiele auf der Bühne. Sie experimentierte mit reflektierenden Materialien (unter anderem mit Radium, obwohl ihre Freundin Marie Curie ihr wegen der Gefährlichkeit heftig davon abriet..Loie Fuller starb 1928 an Brustkrebs): Konstruktionen aus Spiegeln und Glasflächen und vor allem Beleuchtungseffekten, mit denen sie auf nie dagewesene Art feinste Farb-Licht-Abstufungen, Stimmungen und Raumtiefe erzeugte. Sie war eine Magierin des Lichts. Zahlreiche Choreografien und Inszenierungen stammen von ihr. Mit ihrer Partnerin Gab Sorère (eigentlich  Gabrielle Bloch) brachte sie am 4. Dezember 1925 die Märchen-Inszenierung «Copelius and the Sandma», auf die Bühne. Die Musik stammte von Arthur Honegger. Gab Sorère teilte Loies Interesse am neuen Medium Film. Sie leitete die Dreharbeiten zu «Le lys de la vie», nach einem Märchen ihrer gemeinsamen Freundin Königin Elisabeth von Rumänien (Künstlername Carmen Sylva). Gab führte das Loies-Fuller Ballett noch bis in die 1950er Jahre weiter.

Bild: Loïe Fuller auf einer Skizze von Toulouse-Lautrec

Loie Fuller: Die Brüder Lumière haben  Loie Fuller schon 1896 gefilmt. Diesen Film kann man sich auf youtube ansehen.

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