• Home
  • /Arbeit
  • /Der neue Bildungstrend: Massgeschneiderte Firmenkurse für Arbeitnehmende mit Sprachproblemen
Der neue Bildungstrend: Massgeschneiderte Firmenkurse für Arbeitnehmende mit Sprachproblemen

Der neue Bildungstrend: Massgeschneiderte Firmenkurse für Arbeitnehmende mit Sprachproblemen

Die Weiterbildung geht neue Wege. Arbeitnehmende mit Sprachproblemen gehen im Kanton St.Gallen gemeinsam mit Arbeitskollegen in Kurse, die ihnen die Firma organisiert.

Auf den Tischen liegen Blätter mit abgebildetem Werkzeug, das zur Arbeit auf Baustellen benötigt wird. Dieses Werkzeug soll in unserer Landessprache richtig benannt werden, beispielsweise eine Wasserpumpenzange, ein Kupfer-Rohrabschneider oder ein Doppelknaufschlüssel. «Minden rendben?» –  zu Deutsch: alles klar? fragt Kursleiter Alfred Weinberger in die Runde. Das zaubert den Anwesenden ein Lächeln ins Gesicht. Die sieben Männer – sechs aus Ungarn und einer aus Tunesien – haben sich an diesem Abend im Ausbildungszentrum des Spengler-Sanitär-und Heizungsgewerbes in St.Gallen eingefunden. Nach der kurzen ungarischen Fragestellung wird aber nur noch Deutsch gesprochen. Die Migranten besuchen nämlich einen Deutschkurs, der ihnen in erster Linie den Wortschatz vermittelt, den sie an ihrem Arbeitsort brauchen.

Der Kanton St.Gallen geht damit neue Wege. Er ist einer der ersten Kantone, die massgeschneiderte Firmenkurse für Erwachsene anbieten. Mit dem neuen Weiterbildungsgesetz, das im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist, erhalten die Kantone die finanziellen Mittel, den Erwerb und Erhalt der Grundkompetenzen bei Erwachsenen zu fördern. Diese Kompetenzen sind Lesen, Schreiben, mündliche Ausdruckfähigkeit in Deutsch sowie Alltagsmathematik und die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Zielpublikum sind Migranten – ob aus dem Ausland oder aus der Schweiz.

Die Kurse sind auf die Bedürfnisse der Betroffenen, aber auch der Betriebe abgestimmt. «Es bereitet mir eine enorme Freude, diese äusserst motivierte Gruppe aus der Spengler-Sanitär-und Heizungsbranche zu unterrichten», sagt Alfred Weinberger, Projektleiter Firmenkunden der HDS St.Gallen. «Erstrebenswert wäre, dass immer mehr Betriebe ihre Mitarbeitenden, die Defizite bei Grundkompetenzen haben, unterstützen und ihnen solche Kurse ermöglichen.» Weinberger glaubt, dass es schon bald in verschiedenen Branchen zu wenige inländische Arbeitskräfte geben wird. Dieses Schulungsangebot sei ideal, um die Sprachkompetenzen der Mitarbeitenden gezielt in der branchenspezifischen Fachterminologie zu fördern.

Das Ziel: Leben in der Schweiz

Istvàn Lèvai kommt aus der ungarischen Stadt Lajosmizse und lebt seit sechs Wochen in der Schweiz. «Es ist schön hier, ich wurde gut aufgenommen und arbeite in einem tollen Team. Meine Arbeit wird geschätzt, und dafür bekomme ich auch ein gutes Gehalt», erzählt der 37-Jährige, der eine befristete Arbeitsstelle beim Heizungsanlagenanbieter Hälg & Co. AG in St.Gallen hat. Seine Ausbildung zum Schweisser habe er in seiner Heimat gemacht, wo seine Familie lebt. «Ich bin alleine hierhergekommen, meine Frau und meine drei Kinder wohnen noch in Ungarn.» Istvàn Lèvai möchte Geld sparen, um sich und seiner Familie eine sichere Zukunft in der Schweiz zu ermöglichen. «Meine Frau, meine Tochter und die beiden Söhne besuchen zu Hause bereits einen Deutschkurs», sagt er – bereits auf Deutsch.

Bereits seit vier Jahren lebt Oussama Bouchareb aus Tunesien in der Schweiz. Er wohnt im thurgauischen Aadorf und hat ebenfalls eine temporäre Anstellung bei der Firma Hälg & Co. Zuvor habe er 26 Jahre in Italien gelebt – Frau und Kinder seien noch immer dort. Sein Sohn mache ein Informatikstudium und seine Tochter lerne Fremdsprachen. «Meine Tochter ist 17 Jahre alt und spricht bereits sechs Sprachen», führt der 54-jährige Rohrschlosser aus. Bouchareb sagt, dass er glücklich sei, eine Arbeit in der Schweiz gefunden zu haben. Doch manchmal fühle er sich schon alleine, so ganz ohne Familie. Aber momentan könne seine Familie nicht hierher kommen, weil die Kinder noch in der Ausbildung sind.

Istvàn Lèvai und Oussama Bouchareb sind froh darüber, dass ihr Arbeitgeber ihnen die Teilnahme an diesem branchenspezifischen Deutschkurs ermöglicht.

Vokabeln lernen und Dialoge führen

Nach einem anstrengenden Arbeitstag auf der Baustelle beteiligen sich die Männer konzentriert und motiviert am Unterricht. Für sie scheint es ganz selbstverständlich zu sein, Vokabeln zu lernen und Dialoge zu führen, so wie es bei der Arbeit sein könnte. Alfred Weinberger erachtet es als unerlässlich, auch leistungsschwächere Kursteilnehmer individuell zu unterstützen. So gibt er während des Kurses stets Erklärungen ab, für diejenigen, die etwas nicht ganz verstanden haben. Am Ende der Unterrichtsstunde äussern sich die Teilnehmer durchwegs positiv: «Wir möchten gerne im Anschluss an diesen Deutschkurs einen Fortsetzungskurs besuchen», sind sie sich einig.

Hans-Peter Steiner, zuständig für Weiterbildung und höhere Berufsbildung beim Amt für Berufsbildung in St.Gallen, betont, dass diese Firmenkurse für Schweizer mit mangelnden Grundkompetenzen ebenfalls zugänglich seien. Hauptsächlich würden die Kurse jedoch von Ausländern besucht. Gestartet wurde mit dem Projekt vor rund einem Jahr – bis heute wurden im Kanton St.Gallen gegen zwanzig Firmenkurse durchgeführt, und es werden immer mehr. Die Kurskosten werden grösstenteils von Bund und Kanton übernommen. Den Rest übernimmt der Betrieb. Der Kursteilnehmer selber bezahlt nichts, verpflichtet sich aber, mindestens 80 Prozent des Unterrichtes zu besuchen.

Die Voraussetzungen für ein gutes Gelingen seien gegeben und die Erfahrungen bis jetzt durchwegs positiv, sagt Hans-Peter Steiner. Was es weiterhin brauche, seien motivierte Leute und vor allem Betriebe, die bereit seien, in ihre Mitarbeitenden zu investieren.

Text und Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer/SVW

Bild: Kursleiter Alfred Weinberger geht mit dem Deutschunterricht in die Firmen 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*