Die Reihe der Matroschkas

Die Reihe der Matroschkas

Das Theater St.Gallen startet die Saison mit der russischen Oper “Eugen Onegin”. Im Gegensatz zum Titel dreht sich die Geschichte um Tatjana, die versucht, dem Zwang ihrer weiblichen Vorfahren zu entrinnen und echtes Glück zu finden. Musikalisch hat Tschaikowsky eine Oper voll lyrischem Tiefgang und folkloristischen Elementen anzubieten, der sowohl Protagonisten als auch Orchester gerecht werden.

Eigentlich müsste die Oper ja “Tatjana” heissen, denn um sie dreht sich die ganze Geschichte. Basierend auf Konstantin Schilowskys Libretto erzählt sie, untermalt von der hinreissenden Lyrik Tschaikowskys, die Geschichte einer Frau, die dem Schicksal ihrer Ahninnen entrinnen und die wahre Liebe finden will. Da die Handlung jedoch dem berühmtesten Roman Russlands entspringt, wurde daraus “Eugen Onegin”, wohl auch um an den Erfolg anzuknüpfen.

Puppentanz

Regisseurin Lydia Steier, die in St.Gallen bereits die Mozart-Oper “La finta giardiniera” inszeniert hat, stellt die Geschichte zusammen mit Susanne Gschwender (Bühne) und Anna Eiermann (Kostüm) in die heutige Zeit. Mit Augenzwinkern zwischen der Tragik versucht Steier, die russische Seele heraus zu kitzeln. Mit einer Art Puppenhausfantasie im kleinen, wendbaren Baba Jaga Häuschen und den unvermeidlichen Matroschkas, die die weibliche Ahnenreihe darstellen, fügt sie die Darstellerinnen mit unschuldigen Kleidchen ein und lässt in den folkloristischen Passagen sprichwörtlich die Puppen tanzen. Im Besonderen mit der Tanzkompanie auf den Festen oder auf verderbe Art in der dekadenten High Society. Steier zeigt damit stark polarisierende Frauenfiguren, die den Männern auf die eine oder andere Art gefällig sein sollen.

Ehehölle?

Dazwischen Eugen Onegin, der keine Lust darauf hat, in gesellschaftlichen Zwängen gefangen zu sein und der Ehehölle, wie er sie nennt, mit allen Mitteln entflieht. Er weist alle Gefühle von sich und lebt das oberflächliche, aber bequeme Leben eines Oligarchen. Auf einer Landreise begegnet er Tatjana, die schon lange auf einen Mann wie ihn gewartet hat und all ihre Sehnsüchte in ihn projiziert. Nikolay Borchev spielt und singt den Eugen Onegin mit offensichtlicher Souveränität. In Weissrussland aufgewachsen, ist er in der Sprache beheimatet. Da er sich intensiv mit der Figur des Onegin auseinander gesetzt hat, spielte er auch für die Dramaturgie eine Schlüsselrolle.

Matroschkas

Mit Kälte und Spott begegnet er der warmherzigen Tatjana. Unerfahren und voller Illusionen verliebt sie sich Hals über Kopf in Onegin. Der aber sieht in ihr eine Landpomeranze ohne jegliche Raffinesse und verstösst sie. Evelina Dobračeva, ebenfalls im Russischen beheimatet, verkörpert die Tatjana mit klarer Stimmführung die ihr auferlegte Sanftmut und Tragik perfekt. Den Matoschkas gleich fügt sie sich, nach anfänglichem Widerstand, in die weibliche Ahnenreihe ein. Und nicht zu ihrem Nachteil.

Lebensdurst

Ganz anders Susanne Gritschneder als lebensdurstige Olga, stimmgewaltiger denn je nimmt sie ihr Leben und ihren Verlobten Lenski an die Hand. Der scheitert an seiner eigenen Torheit, als der sich von Onegin provozieren lässt und in einem Duell durch seine Hand stirbt. Mit Leichtigkeit bewegt sich Roman Payers als Lenski mit seinem Tenor auf den lyrischen Pfaden des Komponisten. Im Hintergrund als alte Damen bis zur Unkenntlichkeit maskiert Kismara Pessatti als Amme Filipjewna und Terhi Kaarina Lampi als Larina, die mit bissiger Weisheit die Szenerie verfolgen.

Wahlmöglichkeiten

Tatjana, von der Liebe enttäuscht, heiratet schliessich den Reichen Fürst Gremin, dargestellt vom herausragenden ungarischen Bass Levente Pall, der seine Arie herzerfüllt bis in die tiefsten Töne der Skala zu geleiten vermag, was das Publikum mit tosendem Beifall und Bravo-Rufen erwidert. Er vermag damit seine Frau Tatjana zu halten, die von Onegin nach vielen Jahren plötzlich bemerkt und begehrt wird.

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