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Dora Rittmeyer-Iselin – eine starke Ostschweizerin und Kämpferin

Dora Rittmeyer-Iselin – eine starke Ostschweizerin und Kämpferin

Auch St. Gallen beherbergt immer wieder starke Frauen. Eine von ihnen war Dora Rittmeyer-Iselin (1902- 1974), eine der profiliertesten Schweizer Frauen des 20. Jahrhunderts. Aussergewöhnlich war schon ihr Studium der Musikwissenschaft, mit abschliessendem Doktorat. Sie heiratete den St. Galler Juristen und Politiker Ludwig Rittmeyer und blieb dennoch berufstätig. Als eine der ersten Frauen dozierte sie an der damaligen Handelshochschule, heute Universität St. Gallen.

Die St. Galler Historikerin Marianne Jehle-Wildberger zeichnet in ihrer Biografie das Bild einer mutigen und politisch wachen Frau auf. Im Vorwort schreibt sie: «Julia Dorothea Rittmeyer-Iselin, wie sie mit vollständigem Namen hiess, verkörperte wie kaum eine andere Schweizerin während 40 Jahren die nationale Frauenbewegung. Auf kluge und unparteiische Art diente sie der Sache der Frau bis in die höchsten Ämter».

Die Biografin titelt ihr Buch «Wo bleibt die Rechtsgleichheit?» «Dora Rittmeyer-Iselin /1902 – 1974) und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen». Biografien haben es so an sich. Sie sind spannend, fesselnd, lehrreich und ermöglichen Einblicke in die Geschichte zu den jeweilig beschriebenen Zeiten. So verhält es sich auch mit Marianne Jehle-Wildbergers Buch. Die Autorin berichtet von den Kinder-und Jugendjahren Dora Rittmeyer-Iselin , der Heirat mit Ludwig Rittmeyer und dem Familienleben in St. Gallen. Ein grosser Teil des Buches ist dem Einsatz für die Frauenbewegung und den jüdischen Flüchtlingskindern gewidmet. Auch das Präsidium der Frauenzentrale St. Gallen und das Präsidium des BSF sind wichtige Themen. Zusammenfassend sagt Marianne Jehle-Wildberger: «Dora Rittmeyer –Iselin war eine Europäerin». Das Buch schliesst mit ausführlichen historisch fundierten Anmerkungen der Autorin. Eine immense Arbeit steckt dahinter. Sie muss viel gelesen und viele Gespräche geführt haben.

Bild:  Bucheinband

Ostschweizerinnen befragen die Autorin Marianne Jehle-Wildberger zu ihrem Buch «Wo bleibt die Rechtsgleichheit? Dora Rittmeyer-Iselin (1902 – 1974) und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen»

  1. Ostschweizerinnen: Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen?

Marianne Jehle: Bereits als kleines Schulmädchen wurde ich mit dem Problem der jüdischen Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus konfrontiert. Zusammen mit meiner älteren Schwester zog ich im Auftrag meines Vaters im Quartier Wesemelin in Luzern einmal im Monat den «Flüchtlingsbatzen». ein. Später als Geschichtsstudentin an der Universität Zürich, ging es in meiner Abschlussarbeit ebenfalls um jüdische Flüchtlinge. Auf Dora Rittmeyer stiess ich erstmals vor 20 Jahren, und zwar im Zusammenhang mit ihrem Einsatz für jüdische Flüchtlingskinder, was ich selbstverständlich spannend fand. Etwas später entdeckte ich ihren Einsatz für die Rechte der Frauen. Auch das interessierte mich, sass ich doch im Vorstand des feministisch engagierten «Evangelischen Frauenbunds Schweiz» und war Co-Präsidentin der ökumenischen Frauenzeitschrift «Schritte ins Offene».

 

  1. OST: Wieso gab es bisher noch keine Biographie von Dora Rittmeyer- Iselin?

Jehle: Ich vermute, dass das mit dem konservativen gesellschaftlichen Trend in der Schweiz zur Zeit von Doras Wirken zwischen 1930 und 1970 zusammenhängt. Viele Biographien von schweizerischen Frauen sind erst nach der Einführung des Frauenstimmrechts von 1971 entstanden, etliche erst in jüngster Zeit. Bei Dora Rittmeyer kommt hinzu, dass sie sich nicht nur für die Rechte der Frauen, sondern auch für die jüdischen Flüchtlinge engagierte. Die Aufnahmepraxis der Schweiz hinsichtlich der Juden war äusserst restriktiv. Nach dem Krieg herrschte Stillschweigen über dieses Versagen und damit auch über Flüchtlingshelfer wie Paul Grüninger oder eben Dora Rittmeyer-Iselin. Dazu kommt: Männer schreiben selten Frauenbiographien, und: Historikerinnen gab es im Kanton St. Gallen bis vor kurzem nur sehr wenige.

 

  1. Ost: Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet?

Jehle: Im Ganzen etwa vier Jahre, täglich vier bis fünf Stunden, allerdings mit monatelangen Unterbrüchen. Ich musste die Informationen in verschiedenen Archiven schweizweit zusammensuchen.

 

  1. Ost: Haben Sie Dora Rittmeyer noc h persönlich gekannt?

Jehle: Nein, leider nicht. Es hat auch niemand ihren Namen genannt, geschweige denn etwas von ihr erzählt. Das hängt wohl mit den unter Frage 2 genannten Gründen zusammen. Erst vor knapp 20 Jahren stiess ich erstmals auf sie und dachte schon damals: Diese Frau verdient eine Biographie. Ich hatte aber noch andere Projekte und Aufträge.

 

  1. Ost: Was hat Dora Rittmeyer uns heute noch zu sagen?

Jehle: Sie nahm die Probleme in der Gesellschaft ihrer Zeit in aller Schärfe wahr. Ihre Konsequenz und ihr Mut, zu deren Lösung beizutragen, kann uns noch heute Vorbild sein. Was sie als richtig erkannte, das versuchte sie zu verwirklichen. sie liess sich nicht beirren. und sie war tapfer, denn an persönlichen Schicksalsschlägen mangelte es ihr nicht.

 

  1. Ost: Was würden Sie Frau Rittmeyer jetzt fragen?

Jehle: Die Antwort auf diese Frage geht aus der vorangegangenen Antwort hervor. An Problemen in der Schweiz, in Europa und in der ganzen Welt fehlt es auch heute nicht. Ich würde Frau Rittmeyer gerne fragen, an welcher Ecke des ganzen Problemknäuels sie ansetzen würde, was für sie Priorität hätte.

 

  1. Ost: Welche Aspekte bei Dora Rittmeyer sind Ihnen rätselhaft?

Jehle: Leider gibt es keinen Nachlass Dora Rittmeyer-Iselins. Ich würde gerne wissen, woher genau sie ihre Motivation nahm. Aus Erzählungen ihrer Familienangehörigen und Freunde konnte ich einiges schliessen, so ihre Verwurzelung im Religiösen. aber ich möchte gerne wissen, wie sie wirkte, wenn sie mit Freunden am Tisch sass. ob sie gesprächig war, wie sie lachte, oder auch welche Geschichten sie abends ihren Kindern vorlas.

 

  1. Ost: Und wo bleibt die Rechtsgleichheit?

Jehle: Was die Rechte der Frauen in der Schweiz betrifft, so wurde seit dem Tod von Dora Rittmyer-iselin (1974) viel erreicht. Ich glaube aber nicht, dass sie sich damit zufrieden geben würde. Sie würde sich bestimmt mehr Frauen in politische Ämter wünschen, sowie Lohngleichheit. Sie würde die Frauen ermutigen, sich an Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen. Die noch immer mangelnde Teilzeitarbeit wäre ihr ein Dorn im Auge. Und sie würde die schlimme Situation vieler Frauen in Entwicklungsländern kritisieren, ein Thema, das sie bereits an der Delegiertenversammlung des Bunds Schweizerischer Frauenvereine von 1961 angesprochen hatte.

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