Ein Tag voller Erinnerungen

Ein Tag voller Erinnerungen

Heute ist wieder mal ein Tag, an dem Erlebnisse aus ihrem bisherigen Leben vor ihrem geistigen Auge erschienen. Die Sendung über die Anklage im Falle Epsteins war der Grund dafür.

 

Alisha, die junge, gebrochene Frau, die ihre Tränen beim Beantworten der wenigen Fragen vor den Medien beantwortete, dabei unter Atemnot litt, die Tränen zurückhielt, dann wieder zu lächeln versuchte. Sie war kurz vor dem Zusammenbruch. Ähnliche Erlebnisse gruben sich tief in das Gedächtnis der schon älteren Dame ein. Nur zu gut konnte sie nachvollziehen, wie sehr das einzige Opfer litt, das sich im Fernsehen wagte den Medien zu zeigen. Innerlich schien die junge Frau ganz leer. Sie musste wohl leer bleiben, musste alles von sich fern halten, um die Realität zu ertragen.

Der Mann, Drahtzieher jenes Ringes, der von der Unschuld so vieler junger Mädchen und Kinder profitierte, hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Die berühmte Partnerin war zwar in Haft, doch unter welch privilegierten Umständen sie auch in Haft zu leben verstand, war allgemein bekannt. Und Virginia, eine der Leidensgenossinnen der interviewten jungen Frau, war ebenfalls ganz verstummt, unter welchen Umständen auch immer. Einiges sprach für Suizid, doch andere Fakten liessen daran zweifeln. Sie hatte in den letzten Jahren nicht mehr zu klagen gewagt, nachdem sie dem Schweigegeld zugestimmt hatte, die Judas-Taler annahm, die ihr eine der mächtigsten Menschen auf der Welt übergab. Der Mann stellte sich aber weiterhin als Opfer dar, das einer geldgierigen Frau auf den Leim gegangen sei, die sich aufgrund von Lügen zu bereichern verstand, ohne etwas wirklich Schlimmes erlebt zu haben. Dabei war längst weltweit bekannt, wie abstossend der sexsüchtige Prominente immer schon war und dass er seit der Jungend schon keine Grenzen kannte. Seinen Kosenamen hat er sich wohl verdient, was sich auch jetzt wieder bestätigt. Das eben erschienene Buch eines renommierten Historikers wird zutage bringen, welche Art Mensch diese Bekanntheit ist. Das Buch, noch beinahe drucknass, wurde gerade erst vorgestellt in den Medien und ist noch kaum irgendwo erhältlich. Doch der Inhalt wird explosiv, soviel ist jetzt schon bekannt. Es geht nämlich um jenen Mann, der dem verstorbenen Opfer ein Schweigegeld bezahlte, wohl auch um die Freundschaft zwischen ihm und dem Schänder zu schützen. Doch auch die ehemalige Ehefrau und noch immer enge Vertraute fiel durch stetige Skandale während Jahrzehnten auf und  ist in den Fall involviert. Es sind Fotos ihrer dubiosen Freundschaften und Anzeichen einer möglichen Mitwisserschaft aufgetaucht. Man wird sehen, wie sich alles entwickelt, tritt der Aufstieg und Fall des umstrittenen Hauses ganz ans Licht.

Nun, wieder zu Alisha, Missbrauchsopfer und Geschändete, auch durch die Machenschaften eines mächtigen Paares und deren Freundschaften, die wegsahen und schwiegen, als es zu handeln galt: Berühmtheiten von höchster Stelle der Politik, bekannt aus dem Showbusiness, oder gar aus Königshäusern. Alisha wühlte die Gefühle der Erzählenden auf. Sie ging während ihres Auftritts gebeugt, schien zerbrechlich und kraftlos und ohne festen Boden unter den Füssen zu spüren. So hat auch die Erzählende sich in ihren schlimmsten Zeiten gefühlt. Menschen, die wegblicken und weghören, ständige Anzeichen auf jene Ereignisse ignorieren und der innere Schrei: «Bitte hilf!», ohne aber ansprechen zu können, was mit einem geschieht.

Die Tortur dauerte sechs Jahre, ab dem Alter von neun Jahren an, dann hörte sie plötzlich und endlich auf. Ein Täter in guter Stellung: zuerst Polizist, dann beim Gericht beschäftigt, sie versuchte ihn während des Lebens immer wieder zu verstehen. «Warum gerade ich?» Es gab doch so viele Mädchen in der Familie. Dann der Gedanke, «zum Glück nur ich», um jene besorgt, die sie liebte und denen sie gönnte, verschont geblieben zu sein. Es sollte sich später herausstellen, dass sie aber längst nicht das einzige Opfer war. Seine Schwester, eine weitere Cousine und womöglich noch andere Mädchen suchte der Schänder sich ebenfalls als Lustobjekte aus. Gut verankert als gern gesehener Gast und anerkannt in den Familien, mit dem Genuss des vollen Vertrauens, kam er immer davon. Und die Opfer schwiegen. Lehrkräfte, die Vermutungen äusserten, weil sie sich sorgten um das plötzlich veränderte und verstummte Kind, das unter Gleichgestellten sich hingegen laut und lustig benahm. Sie wurden ignoriert, «Was nimmt sich der freche Kerl hier heraus? Der sollte besser vor der eigenen Tür wischen.» Das Mädchen, hörte in seinem Zimmer mit offener Türe zwischen Hoffen und Bangen zu. Es hoffte, der Täter würde endlich entlarvt und bangte gleichzeitig, dass es sein Heim verlassen müsste, zu fremden Menschen käme, seine Geschwister verlieren würde, oder es käme in ein Kinderheim. So hatte ihm der Täter gedroht, sollte es reden. Die Leute verstünden die Art von Liebe, die so einzigartig sei und ihn mit dem Mädchen verbinde nicht. Sie würden den Vater entlassen, weil sie alles falsch interpretierten. Man würde kein Dach über dem Kopf mehr haben, hungern müssen, die Familien würde wohl auseinandergezerrt… «Willst du das? Wir lieben uns doch».

So konnte es weiter und immer wieder geschehen. Die Famiie traf sich ja ständig. Es wurde immer bestimmt, dass das Mädchen mit dem Täter im Auto fährt und er schaute, dass niemand sonst mitfuhr, auch wenn das Mädchen sich noch so zu wehren versuchte. Dann ging es auf den Weg bis an die Aare bei Aarburg. Dort gab es schöne Plätzchen, wo man alleine und ungestört war. Er packte sein Ding aus und hiess das Mädchen damit zu spielen, bevor es ganz zur Sache ging. Sie wusste genau, dass es dies noch nicht gewesen war, denn die Betten im Haus der  Verwandten waren während des Wochenendes sehr rar und sie würde in seiner Nähe schlafen müssen, letztlich nur um ihm bei guter Gelegenheit weitere schöne Momente zu bereiten.

Übrigens, der Täter lebt ein gutes Leben, das hatte er immer. Er wird jedes Jahr zum Geburtstag vom Gericht persönlich für seine Verdienste geehrt. Doch eigentlich hätte er das Gericht von der anderen Seite her kennenlernen müssen. Leider brauchen Opfer Zeit, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten oder nur schon, um sie zu verstehen. Straftaten verjähren, doch Erlebnisse bleiben ein Leben lang in das Hirn eingebrannt. Das Mädchen hatte es schwer in seinem Leben. Das gestörte Verhältnis zu Männern hat seine Geschichte geprägt. Es freut sich zu leben und an allem, was es erreicht hat. Und dennoch kommt immer wieder der Gedanke auf, was gewesen wäre, wenn es eine behütete und sichere Kindheit und Jugend hätte erleben dürfen in dem von aussen so perfekt erscheinenden Elternhaus.

Dieser Text soll besonders die Eltern aufwecken, sie dazu bewegen, besser hinzusehen. Die meisten Übergriffe geschehen im engsten Umfeld, genau wie bei dem Mädchen. Ein Eingreifen kann Leben retten und ist eigentlich Pflicht eines jeden Bürgers, einer jeden Bürgerin. Es gibt zudem keine Ausrutscher, viel mehr sind Übergriffe klar geplant. Jeder Täter, jede Täterin weiss genau, dass sie/er etwas Falsches macht und sucht sich gute Gelegenheiten für den Missbrauch..

Opferhilfe Schweiz

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