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Frauen verdienen weniger als Männer, doch wieviel genau?

Frauen verdienen weniger als Männer, doch wieviel genau?

Traditionellerweise gibt es bei Erhebungen zu Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen unterschiedliche Resultate, je nach Absender einer Studie. Zum Beispiel rechnen und interpretieren Arbeitgeberverbände oftmals anders als Gewerkschaften. Gewählte Methodik und weitere Faktoren beeinflussen die Resultate zusätzlich und damit die Zahlen zur Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern.

Ein interessanter Vergleich kommt von Eurostat, welche den Gender Pay Gap für Europa ermittelt. Beeindruckend dabei sind die gewaltigen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. Und damit auch die Frage, was zum Beispiel in Italien oder Rumänien völlig anders läuft im Vergleich zu Estland, das diese Unterschiede erschöpfend erklären könnte.

Eine weitere Überraschung kommt aus der Schweiz. Nämlich die Einsicht, dass eine direkt betroffene Gruppe die Resultate zur Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen vorsätzlich verfälscht. Nicht aus niederen Beweggründen, sondern mit einem bemerkenswerten und unerwarteten Motiv.

Unbereinigter Gender Pay Gap in Europa

Der unbereinigte Gender Pay Gap in Europa wird von Eurostat erhoben, das ist das Statistische Amt der Europäischen Union. In der Auswertung wird der Anteil des durchschnittlichen Bruttolohns von Männern ausgewiesen, den Frauen für ihre Arbeit weniger erhalten.

Im “unbereinigten” Gender Pay Gap sind die Differenzen deshalb besonders eklatant, weil strukturelle Unterschiede wie Teilzeitarbeit, die Position im Unternehmen oder unterschiedliche Branchen nicht berücksichtigt werden. Sind diese Faktoren mit eingerechnet, fallen die Differenzen zwangsläufig deutlich geringer aus, bleiben jedoch nach wie vor bestehen.

Als Kennziffer ist die unbereinigte Ausführung der Statistik deshalb aussagekräftig, weil sie zeigt, dass Männer und Frauen nicht im selben Masse an der Wirtschaft partizipieren – Frauen steht generell weniger Geld zur Verfügung. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Frauen häufiger unbezahlte Sorge- und Hausarbeit leisten und es liegt auch daran, dass Jobs mit hohem Frauenanteil generell schlechter bezahlt werden.

Unterschiede zwischen den Ländern

Interessant ist die Auswertung von Eurostat auch in Bezug auf die Länderunterschiede. Liegt der Gap über alle EU-Länder gesehen im Durchschnitt bei 16 Prozent, drückt Estland den Schnitt mit 25,6 Prozent kräftig nach oben. Mit zu den Gap-Spitzenländern gehören Tschechien mit 21,1 Prozent, Deutschland mit 21,0 Prozent und Grossbritannien mit 20,8 Prozent.

Am unteren Ende der Skala liegen Italien und Rumänien, da liegen die Verdienstunterschiede bei lediglich 5 und 3,5 Prozent. Abgesehen von strukturellen Unterschieden scheinen die Italiener und die Rumänen einem Rezept zu folgen, das nicht alle Staaten kennen.

Die Schweiz wird in der Grafik von Statista.com nicht separat ausgewiesen, ist jedoch von Eurostat mit erhoben worden und liegt bei 17 Prozent. Die Auswertung mit den Detailzahlen sämtlicher Länder gibt es hier.

Verfälschte Resultate bei Befragungen in der Schweiz

Werden (bereinigte) Lohndifferenzen direkt über ausgewiesene Löhne bei Betrieben erhoben, kommen im Vergleich zu direkten Befragungen von Lohnempfängern offenbar andere Ergebnisse heraus. Der überrraschende Grund: Paare verfälschen Anteil von Frauen am gemeinsamen Einkommen.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie des ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) Mannheim und der Universität Basel. Die Autorinnen der Studie haben die Einkommensangaben bei einer Umfrage in der Schweiz mit den Daten der befragten Personen aus der amtlichen Statistik verglichen – mit dem Ergebnis:

Viele Befragte geben in der Umfrage an, dass die Frau gerade etwas weniger oder genauso viel verdient wie ihr Partner. Die Anzahl der Personen, die angeben, dass die Frau mehr verdient, ist deutlich kleiner. Die amtlichen Daten für die gleichen Personen zeigen allerdings, dass für Paare, bei denen die Frau in Wirklichkeit mehr verdient, die Angaben in Umfragen häufig vom wahren Einkommen abweichen. Bei Befragungen wird der Einkommensanteil der Frau oftmals systematisch unter 50 Prozent gesetzt.

Geschlechternormen beeinflussen Einkommensangaben

In der Umfrage machen besonders jene Personen falsche Angaben, in deren Partnerschaft der Einkommensanteil der Frau über 50 Prozent liegt. Falsche Angaben machen sowohl Frauen als auch Männer und zwar sowohl mit Blick auf das eigene Einkommen als auch auf das Einkommen des Partners bzw. der Partnerin. Allerdings ist die Tendenz, das Einkommen des Mannes überhöht anzugeben, bei beiden Geschlechtern stärker ausgeprägt. Da hierbei der Einkommensanteil der Frau systematisch unter 50 Prozent gesetzt wird, deuten die Studienautorinnen dieses Antwortverhalten als Hinweis auf eine traditionelle gesellschaftliche Norm: der Mann gilt als Ernährer und Hauptverdiener.

“Unsere Daten zeigen, dass unter den Personen, die Falschangaben machen, der Anteil der Paare grösser ist, bei denen die Frau mehr verdient, obwohl der Mann höher oder gleich gebildet ist”, sagt die Mitautorin der Studie, Dr. Michaela Slotwinski, Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich Soziale Sicherung und Verteilung. “Das liegt möglicherweise daran, dass es die männliche Identität bedroht, einzugestehen, dass die Frau mehr verdient, obwohl sie nicht über mehr Bildung verfügt als der Mann. Entsprechendes gilt, wenn die Frau weniger oder gleich viele Stunden arbeitet und trotzdem ein höheres Einkommen erzielt. Diese Paare sind bei den Falschangaben ebenfalls häufiger vertreten.“

Umfragedaten lassen Lohnunterschied grösser wirken

Während man also basierend auf Umfragedaten schlussfolgern könnte, dass Frauen ihr Arbeitsangebot anpassen, um nicht mehr zu verdienen als ihr Partner, stellt sich heraus, dass dies gar nicht der Fall ist. Feststellen lässt sich allerdings, dass die Einkommensangaben ab einem Einkommensanteil der Frau von etwa 48 Prozent auf die Norm reagieren. Folglich könnten Umfragedaten mitunter weniger informativ hinsichtlich des Verhaltens der Individuen sein, als bisher angenommen.

Bild: Gewerkschaft Syna

Quelle: Money Today

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