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Heimarbeit damals und in der Gegenwart – Ein geschichtlicher Streifzug durch Jahrhunderte

Heimarbeit damals und in der Gegenwart – Ein geschichtlicher Streifzug durch Jahrhunderte

«Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch» nennt sich eine Ausstellung im Stadtmuseum Dornbirn. Dabei handelt es sich um eine Ausstellungskooperation des Stadtmuseums Dornbirn, des Angelika Kauffmann Museums Schwarzenberg und des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz. In diesem Zusammenhang lud das Frauenarchiv kürzlich zu einem Vortrag mit dem Thema «Heim- und Frauenarbeit aus globalhistorischer Perspektive»  ein. Referentin war die Wiener Universitätsprofessorin Andrea Komlosy.

In ihrem Vortrag behandelte Andrea Komlosy Heimarbeit sowie deren weltweite Rolle in der Geschichte und der Gegenwart. In sechs Zeitabschnitten zwischen dem 13. und 21. Jahrhundert zeigte sie die Vielfalt der Arbeitsverhältnisse auf, die jede Periode kennzeichnet. Seit Jahren beschäftigt sich die Professorin intensiv mit den verschiedenen Ideen und Konzepten von Arbeit in Europa, aus globalhistorischer und geschlechtsgeschichtlicher Perspektive.

Was Heimarbeit im Gegensatz zu Erwerbsarbeit bedeutet, das ist wohl sattsam bekannt. Heimarbeit, im eigenen Heim ausgeübt, begegnen wir in den bäuerlichen Familien. In der Ostschweiz, in den Dörfern, wurde gesponnen, gewebt, gestrickt, gestickt und genäht. Und nicht zu vergessen ist auch die Seidenraupenzüchtung, die in den landwirtschaftlichen Bereich gehört. In den Städten boten die Zunfthandwerker ihre Produkte an. Händler sorgten im sogenannten Verlagswesen für den Absatz der Ware. «Diese Händler beschränkten sich nicht auf den Handel mit den Gewerbewaren, die vor Ort gefertigt wurden, sondern sie verbanden die ländlichen Produzenten durch ihre Aufträge in einer von Ihnen kontrollierten Arbeitsteilung und eröffneten damit Güterketten von klein- und grossräumiger Reichweite», erklärte Andrea Komlosy.

Die asiatische Handwerkskunst stand nach wie vor an der Weltspitze. «Indische Baumwolltextilien gelangten über die britische East India Company auf europäische, afrikanische und amerikanische Märkte. Afrikanische Sklavenhändler nahmen indische Textilien in Zahlung. Amerikanische Plantagensklaven trugen Kleidung aus indischen Bauwollstoffen. Das kapitalistische Weltsystem verleibte sich die diversen, lokal bestehenden Arbeitsverhältnisse einer ungleichen internationalen, unter westeuropäischen Ägide stehenden Arbeitsteilung ein», so Andrea Komlosy weiter.

Um 1800 verschob sich, mit der Industriellen Revolution, die Kontrolle über die globalen Güterketten in die westeuropäischen Regionen. Mit der Mechanisierung verlagerte sich die Lohnarbeit von Haus und Werkstatt in die Fabrik. Die Unternehmer betrachteten die Arbeitskraft als einen Kostenfaktor, der durch die Aneignung der in Lohnarbeit geschaffenen Werte Kapitalakkumulation ermöglichte. Hausfrauen waren ein Anhängsel des Ehemannes, deren Beitrag zum familiären Überleben und zur betrieblichen Wertschöpfung nicht als Arbeit wahrgenommen wurde. Um 1900 trat die Verengung des Arbeitsbegriffs auf ausserhäusliche Erwerbsarbeit ihren globalen Siegeszug an: «Zwar wurde das Versprechen der Ökonomen, die Lohnarbeit würde sukzessive sämtlichen anderen, aus früheren Produktionsweisen herrührenden Arbeitsformen, wie Hausarbeit, Sklaverei, Selbstversorgungslandwirtschaft und Handwerk, aus dem Arbeitsalltag verdrängen, niemals eingelöst», sagte Andrea Komlosy

Der Arbeitsbegriff hiess fortan «moderne Lohnarbeit». Die Vielfalt der lebenserhaltenden Einkommens existiert weiterhin. Doch die Fabrikarbeit setzt sich durch – aber nicht ganz. Zwar geht die Heimarbeit im gewerblichen Bereich stark zurück. Ab den 1970er Jahren erfasst die Heimarbeit neue Tätigkeiten, wie Schreibarbeiten oder Buchhaltung. Die digitalen Arbeitsplätze ermöglichen eine flexible kostengünstige Arbeitsform sowie günstige Heimarbeiterinnen und Heimarbeitenden, den Rückgang der Textilarbeit, die Zunahme des dezentralen Büros.

Heute ist die Wiederkehr textiler Heimarbeit zu beobachten. Es entstehen kleine Bekleidungsunternehmen, vor allem in Osteuropa, als Zulieferer für grosse Modeketten. Aus rumänischen Grossfirmen haben sich verschiedene Kleinfirmen entwickelt, sogenannte Sweat Shops, die Alpenländisches aus rumänischer Hand herstellen. (Migrantinnen zum Beispiel sind billige Arbeitskräfte).

Was haben die verschiedenen Formen von Heimarbeit gemeinsam?

  • die Arbeit in der eigenen Wohnung
  • oft ein Dazuverdienst
  • eine Nebentätigkeit
  • eine relativ selbstständige Arbeitseinteilung
  • unregelmässige Arbeit
  • oft hoher Druck
  • keine soziale Absicherung
  • Heimarbeit als Standbein unter mehreren
  • Heimarbeit kann das Selbstbewusstsein der Heimarbeiterin stärken

 

Weiterführende Lektüre: Andrea Komlosy: «Arbeit – Eine globalhistorische Perspektive – 13. bis 21. Jahrhundert», Pro Media, ISBN: 978-3-85371-369-3

 

Bild Frauenarchiv Ostschweiz: Seidenspuhlerin

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