Karussell vielfältiger Einblicke

Karussell vielfältiger Einblicke

In einem Geniestreich versetzt Regisseur Tobias Kratzer die wohl verrufenste Frauengestalt der Geschichte in eine moderne Villa auf drehender Plattform. Donizettis Oper Lucia Borgia offenbart durch offene Wände die vielfältigsten Einblicke in Charaktere und Leben der Akteure. Allen voran schenkt die Sopranistin Katia Pellegrino der Hauptfigur durch ihr herausragendes spielerisches und gesangliches Können den alten Glanz zurück.

Geschichte und Geschichten

Das Libretto der Oper Donizettis entspringt der Vorlage von Victor Hugo und hat mit der geschichtlichen Figur, der Papsttochter Lucrezia, nur wenig gemein. Diese hat zwar einige Ehen durchlebt, und auch der Massenmord durch Gift scheint eine belegte Tatsache. Fest steht aber auch, dass sie im Alter von 39 Jahren hochgeachtet als Herzogin von Ferrara starb. Allgemein kennt man jedoch zu ihrem Leben immer noch wenig Fakten.
Ganz in der Manie der Sensationslust erlaubte sich Hugo deshalb freie Hand, eigene Fäden rund um die verrufenste Gestalt des Mittelalters zu spinnen. Dennoch zeigt das Libretto einige Ungereimtheiten auf, die aber Donizettis wundervolle Komposition nicht schmälern. Ganz im Sinne des Belcanto hinterlässt er ein unvergessliches Werk, mit durchgehend bezaubernden Tonführungen, die die Zuhörerinnen und Zuhörer in alle möglichen Gefühlzustände zu versetzen vermag. Eine Meisterleistung, perfekt und mit viel Herz umgesetzt durch den Musikalischen Leiter Pietro Rizzo und mit dem Sinfonieorchester.

Blut unter dem Teppich

Don Alfonso ist ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft. Anlässlich des Karnevalfestes gibt er mit seiner Frau Lucrezia einen Empfang. Als einer der Gäste Blut unter dem Teppich findet, kommt es zu den wildesten Gerüchten. Unter den Gästen auch der junge Gennaro mit seinen Freunden und dem, in Tobias Kratzers Inszenierung weiblichem, besten Kumpel Maffio Orsini. Lucrezia entdeckt den trunken schlafenden Gennaro auf der Veranda. Dass er ihr Sohn ist, weiss dieser allerdings nicht, verspürt aber sofort eine unerklärliche Verbindung und Liebe zu ihr. Um seinen Kumpeln das Gegenteil zu beweisen, schmiert er gemeinsam mit ihnen die Hauswand mit schlüpfrigen Beleidigungen an. Don Alfonso, der Gennaro für Lucrezias Liebhaber hält, wird eifersüchtig und lässt ihn von seinen Handlangern festnehmen. Er stellt Lucrezia vor die Wahl; Messer oder Gift. Lucrezia wählt das Gift, hält aber das passende Gegengift schon bereit, so dass Gennaro entkommen kann. Als Lucrezia aber aus Rache auch die Festgesellschaft vergiftet, trifft sie damit unwillentlich nochmals ihren Sohn.

Karussell des Lasters

Der junge Regisseur Tobias Kratzer versetzt Donizettis Oper mit Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier in die Neuzeit. Dabei würzt die Gerüchteküche, mithilfe mutiger Statistinnen und Statisten, mit einer ordentlichen Portion Pfeffer. Aus der Hosenrolle (ein Mezzosopran in Männerrolle) des Maffio Orsini macht er eine junge Dame, die Lucrezias Sohn Gennaro als beste Freundin zur Seite steht. Ebenfalls rückt Kratzer, gegen die Absicht des Komponisten, der nur wenige Arien und Auftritte für Don Alfonso eingefügt hat, das Paar ins Zentrum des Geschehens und lässt Paolo Gavanelli als herrischen Ehemann ständig an Lucrezias Seite präsent sein. Die gesamte Handlung findet hinter offenen Wänden einer sich drehenden Villa statt. Bühne und Inszenierung sind ein gelungener, mit dem Libretto homogener Geniestreich, erlauben aber leider nicht immer freien Fokus auf die singende Hauptrolle, da sich entweder Don Alfonso selbst oder eine Säule in den Weg stellt.

Weltklasse

Die Hauptrolle, verkörpert von einer unvergleichlichen Katia Pellegrino, übertrifft alle Erwartungen. Pellegrino zeigt sich als eine Meisterin ihres Fachs und macht die Oper sowohl spielerisch als auch gesanglich zum vollkommenen Genuss. Sie lässt die Arien der Lucrezia Borgia, die von engelsgleich bis diabolisch alle Facetten durchspielen, selbst in der leisesten Tönen hoch über dem Geschehen, ja selbst über Chor und Orchester schweben. Unerklärlich, wie sie das macht. Donizetti verlangt seiner Hauptfigur eine anspruchsvolle Arie nach der anderen ab, mit Koloraturen, Arpeggi und Trillern, die Pellegrino mit einer Leichtigkeit meistert, als wären sie reines Kinderspiel. Dabei trifft sie jeden einzelnen Ton glasklar und beherrscht mit gleichem Mass die Kunst, die Emotion der Musik auf das Publikum zu übertragen. Eine Kunst, die Weltklasse hat und nur noch wenige Sängerinnen und Sänger beherrschen.
Paolo Gavanelli steht Pellegrino mit seinem charakteristisch reifen Bariton gesanglich und spielerisch ebenbürtig zu Seite.
Da die Oper nach einem Grossangebot an Solisten verlangt, bieten auch Derek Taylor als Jeppo Liverotto, Jordan Shanahan als Don Apostolo Gazella, David Maze als Ascanio Petrucci und Nick Kevin Koch als Oloferno Vitellozzo, aber auch die Baritone Wade Kernot und Levente Páll als Gubetta und Astolfo, stimmlich gekonnte und witzige Einwürfe.

Tenor Anicio Zorzi Giustiniani verkörpert Lucrezias Sohn mit leidenschaftlicher Spielfreude von der, trotz untadeligem wohlklingendem Gesang, nur wenig hörbar ist. Allyson McHardy, in der Damenrolle, meistert diese gekonnt. Sie schmettert aber ihre Partien, mit etwas übertrieben breitem Mezzo und verpatzt mangels Kraftreserven hier und da eine Intonation. Die Oper ist aber auf jeden Fall einen zweiten Besuch Wert. Deshalb wäre auch die zweite Besetzung der “Hosen-Rolle” Kismara Pessatti interessant, die derzeit auch in der Ballett-Oper “Roméo et Juliette” ihr Können unter Beweis stellt.

Hauptbild: Katia Pellegrino als Lucrezia Borgia (Bildrechte:Theater St. Gallen Hans Jörg Michel)

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