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Mächtig, aber ungeliebt: Die Fabrikantin in “Sticken und Beten”

Mächtig, aber ungeliebt: Die Fabrikantin in “Sticken und Beten”

Durch Ihre eindrücklichen Frauenbiografien, die sie in den letzten 20 Jahren publizierte, wurde die Marbacher Autorin Jolanda Spirig bekannt. Nun thematisiert sie Ostschweizer Textilunternehmen und bringt ihrer Leserschaft deren Geschichten näher. In den nächsten Monaten ist sie mit ihrem neuen Buch “Sticken und Beten” auf Lesetour, während die Ausstellung “Behind That Curtain” das Buchthema im Kulturraum am Klosterplatz und im Textilmuseum künstlerisch umsetzt.
 

Das katholische Milieu
Jolanda Spirig beleuchtet einerseits die wechselvolle Geschichte der Jacob Rohner AG in Rebstein, andererseits macht sie die Turbulenzen der Ostschweizer Stickerei-Industrie sichtbar und geht damit auch auf die Sozialgeschichte unseres Landes ein. Sie schildert das katholische Milieu, und da kommt besonders Josy Geser- Rohner (1881-1961) ins Bild: Die Tochter des Firmengründers, die 1903 mit dem Gossauer Juristen Albert Geser verheiratet wurde, hatte ein Faible für den Klerus und pflegte enge Kontakte zum Vatikan. Als Ordensdame vom Heiligen Grab zu Jerusalem spendete sie reichlich, und als Gründungspräsidentin des Katholischen Frauenbundes St. Gallen-Appenzell sorgte sie dafür, dass sich Frauen in ihre tradierte Frauenrolle fügten.

Sie bestimmte
Nach dem Tod ihres Mannes präsidierte sie 26 Jahre lang den Verwaltungsrat des zeitweise grössten Stickereiunternehmens der Schweiz. Sie bestimmte nicht nur über die Jacob Rohner AG, sie bestimmte auch über ihre fünf Kinder, die alle die hauseigene Privatschule besucht hatten. Wie ihr Vater schloss sie ihre Söhne von der Unternehmensnachfolge aus. Stattdessen setzte sie ihren Schwiegersohn, Psychiatrieprofessor Johann-Baptist Manser ein, der das Unternehmen zusammen mit dem St. Galler Anwalt Franz Oesch durch die Hochkonjunktur der Nachkriegszeit steuerte.

Vergessen
Die Prinzipalin verschaffte sich mit ihren Auftritten Respekt, doch geliebt wurde sie nicht. Als Witwe hatte sie ihren verstorbenen Mann aufs Podest gehoben – noch heute werden für Albert Geser-Rohner Heilige Messen gelesen. Sie selbst wurde vergessen. Als ihre älteste Tochter die elterliche Villa Tanner und die umliegenden Liegenschaften zu Beginn der 1970er Jahre der Gemeinde Rebstein schenkte, damit sie darauf ein Altersheim errichtete, tat sie dies im Gedenken an ihren Vater, Nationalrat Albert Geser-Rohner. Ihre Mutter Josy Geser-Rohner erwähnte sie mit keinem Wort.

Jolanda Spirig: “Sticken und Beten – Die Textildynastie Jacob Rohner: Familie, Firma, Klerus 1873-1988”, Chronos Verlag Zürich, 2015.

Lesungen und Ausstellungen: www.jolandaspirig.ch

Hauptbild: Als Prinzipalin und Mutter hatte Josy Geser-Rohner (Mitte) alle Fäden in der Hand. Links im Bild: Schwiegertocher Hedwig Geser-Degener, rechts Firmenerbin Cécile Manser-Geser 1946

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