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Schweizer Museen stellen kaum Künstlerinnen aus

Schweizer Museen stellen kaum Künstlerinnen aus

Die grossen Kunstmuseen geben ein klares Bild ab: Die meistbesuchten Museen der Schweiz haben bei den Einzelausstellungen einen Frauenanteil von gerade einmal durchschnittlich 13,6%. Es liegen uns Daten für sieben der 10 grössten Museen vor, darunter das Kunstmuseum Bern, das Kunsthaus Zürich und die Fondation Beyeler. Die meisten Frauen unter den grössten Museen zeigte das Château de Chillon im Kanton Waadt.

Beim Kunsthaus Zürich ist man sich des Missverhältnisses bewusst. Mediensprecher Björn Quellenberg sagt: “Unser Museum spiegelt den Kunstkanon der vergangenen 600 Jahre – da gab es eben viel mehr Männer. Bei Ausstellungen zur Gegenwartskunst setzen wir aber auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis.”

In den Einzelausstellungen des Kunsthauses Zürich fallen immer wieder bekannte Namen auf – Pablo Picasso, Ferdinand Hodler, Félix Vallotton. Von weiblichen Künstlerinnen kaum eine Spur. “Wenn man das Publikum fragt, welche Kunst es sehen möchten, hören wir sehr oft die Namen dieser bekannten männlichen Künstler”, sagt Björn Quellenberg.

“Wenn man das Publikum fragt, welche Kunst es sehen möchte, hören wir sehr oft die Namen der bekannten männlichen Künstler.”
Björn Quellenberg, Sprecher Kunsthaus Zürich

 

Bern steht das Thema Ausgleich beim Geschlechterverhältnis weiter oben auf der Agenda. Nina Zimmer, Direktorin am Kunstmuseum Bern sagt, sie bemühe sich sehr, gleich viele Frauen wie Männer zu zeigen und generell die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden. Zimmer ist erst seit 2016 in Bern tätig, und hat seither viele Frauen ins Programm gebracht.

2019 zeigt sie zwei Künstler einzeln, und sie hat bewusst einen Mann und eine Frau gewählt: Johannes Itten und Miriam Cahn. “Wir kaufen auch bewusst Kunst von Frauen für die Sammlung – wir müssen aufholen”, sagt Zimmer.

Denn vor allem die Sammlungen der Museen sind stark männerdominiert. Eine Recherche des Guardian ergab, dass in der Tat in London nur 15% der Sammlung von weiblichen Künstlerinnen stammt.

Kunstakademien schlossen Frauen lange aus 

Dass Frauen in der Kunst lange gar nicht oder kaum vorkamen, hat vor allem kulturelle und historische Gründe. Lange war Frauen war der Zugang zu den europäischen Kunstakademien verwehrt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde in Europa die Ausbildung der europäischen Künstler immer professionalisierter. Nicht aber für weibliche Kunstschaffende: Männer durften sich professionell bilden, Frauen konnten das allerhöchstens im privaten Umfeld tun – und auch nur dann, wenn sie es sich leisten konnten.

Als Frauen endlich Kunst studieren durften, waren sie dennoch nicht sichtbar: “Die Frauen wurden in der Kunstkritik ihrer Zeit oft vergessen, weil die Kritiker immer Männer waren”, sagt Mara Folini, Direktorin am Museum für Moderne Kunst in Ascona, die sich in ihrer Institution stark für die Sichtbarkeit von Frauen einsetzt. Kein Wunder also, dass das Publikum sich bekannte Namen von Männern wünscht, wenn es nur diese kennt.

“Die Frauen wurden in der Kunstkritik ihrer Zeit oft vergessen, weil die Kritiker immer Männer waren.”
Mara Folini, Direktorin Museum für Moderne Kunst, Ascona

 

Heute sieht es zumindest in der Bildung anders aus: Meistens studieren mehr Frauen Kunst als Männer. An einer der renommiertesten Kunsthochschule des Landes, der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK), beispielsweise haben im Jahr 2018 55% Frauen studiert. Ähnlich sieht es an den Schweizer Universitäten im Studium der Kunstgeschichte aus. Auch die Schweizer Kuratoren sind häufiger Frauen als Männer, wie unsere Recherche ergab.

Aufschluss über den Anteil Frauen und Männer im Kunstberuf in der Schweiz gibt das Lexikon Sikart. Insgesamt ist der Katalog, der Schweizer Künstlerinnen und Künstler und jene, die regelmässig in der Schweiz ausstellen, männerdominiert. Der Frauenanteil wird aber über die Jahre grösser. Unter den Kunstschaffenden, die 89 Jahre oder jünger sind, gibt es 38% Frauen. Von jenen, die 49 Jahre alt oder jünger sind, sind bereits 46% Frauen.

Wenn ein Museum zeitgenössische Kunst zeigt, hat es also zumindest in der Theorie die Wahl zwischen fast gleich vielen Frauen wie Männern.

Provokation wird bei Männern eher akzeptiert

Warum aber sind diese Frauen nicht sichtbar in Ausstellungen? Wie die Recherche gezeigt hat, sind die Schweizer Museen von Ausgeglichenheit noch weit entfernt. Der Soziologe Olivier Moeschler von der Universität Lausanne vermutet als einen der Gründe: “Kunst muss heute provokativ sein und nicht mehr nur ästhetisch. Bei Männern wird Provokation von der Gesellschaft viel eher akzeptiert, bei Frauen viel weniger.” Die Verantwortung liegt somit also nicht nur im Kunstbetrieb, sondern bei der gesamten Gesellschaft.

Text und Bild: swissinfo.ch

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