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Unbequem und beharrlich im Einsatz für die Gerechtigkeit

Unbequem und beharrlich im Einsatz für die Gerechtigkeit

Trotz vieler Schicksalsschläge hat Annemarie Iten, 64, ihren Lebensmut nie verloren. Zehn Jahre begleitete sie ihre kranke Tochter bis in den Tod. In jener Zeit hörte sie von der Grabsteininschrift einer Frau in einer ähnlichen Situation: «Ihr Leben war Liebe und Aufopferung.» Sie wusste: «Das darf bei mir nie stehen.

Obwohl ich meine Tochter über alles liebe, will ich auch zu mir Sorge tragen», so das Credo von Annemarie Iten. Wichtig ist ihr seit jeher der Einsatz für Gerechtigkeit. Deshalb engagiert sie sich für die Aufarbeitung der Geschichte der Heimkinder in der Schweiz. Im aktuellen Film «Hexenkinder» von Edwin Beeler erzählt sie von ihrem Leben im Kinderheim.

Der Auslöser für ihr Engagement war ein Brief des ehemaligen Heimleiters vor zwei Jahren. Er schrieb ihr, mit der Rückkehr an seinen ehemaligen Wirkungsort Einsiedeln habe er dem lokalen Kulturverein eine DVD mit früheren Aufnahmen des Kinderheims übergeben. «Es darf nicht sein, dass der Öffentlichkeit nur die schöne Seite des damaligen Heimlebens präsentiert wird», empörte sie sich. Mit dem Brief und der Rückkehr des ehemaligen Heimleiters stiegen die Erlebnisse ihrer Kinder- und Jugendzeit wieder schmerzlich in ihr hoch.

Als Waise im Kinderheim
Sie erinnert sich noch an das grosse Haus, in dem sie als drittjüngstes von zehn Kindern lebte. Ihre Mutter starb mit 37 Jahren. Annemarie war sieben Jahre alt. Die älteren Geschwister sorgten für die Familie. Der Vater, Hausierer und Alkoholiker, nahm sich ein halbes Jahr darauf das Leben.

Die jüngeren Kinder kamen ohne Erklärungen und psychologische Hilfe in verschiedene Abteilungen des Kinderheims in Einsiedeln. «Die anderen Heimkinder lachten mich aus, weil mein Vater sich umgebracht hatte. Ich weinte und erzählte es einer katholischen Nonne. Sie hat mich abgewiesen. Erst später habe ich verstanden, warum: Selbstmord ist eine Todsünde.» Annemarie weinte oft und frass ihre Gefühle in sich hinein. «Ausgeliefert, wie wir waren, konnte man mit uns machen, was man wollte – an wen hätten wir uns wenden können?»

Das Leben im Heim war streng. Die Kinder von alleinstehenden Müttern, aus zerrütteten Familien oder eben Waisen galten als sittlich verwahrlost. Sie sollten mit zum Teil drastischen Massnahmen von den Sünden ihrer Eltern geheilt und zu Gott geführt werden. Annemarie machte mit den Klosterfrauen unterschiedliche Erfahrungen. «Es gab neben sehr strengen und lieblosen auch eine liebe Schwester, die mich nahm, wie ich war.»

Unterschiedliche Erfahrungen
Später löste ein Heimleiter, den sie «Vati» nennen mussten, die Klosterfrauen ab. Dieser teilte nicht nur Schläge aus. Für Annemarie war die psychische Gewalt ebenso schlimm. «Wenn ,Vati’ zur Strafe drei Wochen nicht mehr mit mir sprach, ich die Geschwister nicht sehen oder den geliebten Blauring nicht besuchen durfte. Zudem suchten wir Nähe, aber nicht so wie ,Vati’, der mir und anderen zu nahe kam.»

In jenen Jahren hat Annemarie die Erinnerung an ihre Mutter gehalten. «Ich trug das Bild in mir, wie sie mich stricken lehrte. Dies zeigte mir, dass ich einen Bezug zur Mutter hatte. Das gab mir Boden.» Sie staunt, wie viel ein Mensch erträgt, vielleicht, weil er auch Gutes erfährt. «Ich begegnete immer wieder Menschen, bei denen ich spürte, dass sie auf meiner Seite waren.» Zudem gab es im Heim auch schöne Erlebnisse wie das Musizieren mit Orff-Instrumenten. Sie liebte es und konnte sich dabei entfalten.

Als Heimkind gebrandmarkt
In der Dorfschule fielen die Heimkinder mit ihren Schürzen und Ellbogenschonern auf. Zudem galten sie unbesehen als dumm. Annemarie war eine gute Schülerin. Trotzdem bestand sie die Prüfung für die Sekundarschule das erste Mal nicht. Da sie darauf beharrte, konnte sie die sechste Klasse wiederholen. Ihre Lehrerin, bei der sie das Schuljahr repetierte, schenkte ihr ein Tagebuch. Das Schreiben in Form eines Tagebuches ist seither ein wichtiger Begleiter. Danach bewältigte sie mühelos die drei Sekundarschulklassen. Gegen Ende der Heimzeit durfte Annemarie zu einer liebevollen Familie nach Sursee in die Ferien. Sie lernte hier auch, dass ein junger Mensch seine Meinung frei äussern darf.

Sie war 16, als die Situation eskalierte. Nachdem «Vati» sie ein letztes Mal auf den Kopf geschlagen hatte, um sie mundtot zu machen, berichtete sie ihrem Onkel von den Vorfällen. Dieser informierte die Behörden. Sie bestimmten eine Aufsichtskommission, die jederzeit unangemeldet das Heim und die Kinder besuchen und befragen durfte. Kurz darauf kündigte der Heimleiter. Die örtliche Presse informierte die Öffentlichkeit mit dem Hinweis «Die eigentlichen Gründe sind den ,Eingeweihten’ bekannt». Für die Kinder wurden per Inserat Pflegeplätze gesucht.

Annemarie kam für das letzte halbe Jahr der Schulzeit in eine Familie mit einem Restaurant, wo sie auch bei der Kinderbetreuung mithalf. Bei der Suche eines Praktikumsplatzes, der dazumal für die Ausbildung zur Kindergärtnerin notwendig war, wünschte sie sich einen Platz im Tessin. Da sie ein Heimkind war, wurde ihre Bewerbung mit der Begründung «Wir nehmen keine Heimkinder» abgelehnt. Beim Praktikum im Kinderheim Wettingen durfte sie eine neuzeitliche Führung eines Kinderheims erleben. Dies bedeutete für sie viel Arbeit, aber auch einen liebevollen Umgang zwischen den Menzinger-Schwestern, Praktikantinnen und Kindern.

Engagement für Familie und Gesellschaft
Sie besuchte das Kindergärtnerinnenseminar in Menzingen und genoss danach die Arbeit in ihrem Traumberuf. Mit ihrem Mann Christian wünschte sie sich vier Kinder. Das erste Kind verlor sie im dritten Monat. Umso grösser war die Freude über die Geburt von Michael (1981) und von Stefanie (1984). Nachdem sie nochmals zwei Kinder im 5. Monat verloren hatte, musste sie den Wunsch nach einer grossen Familie aufgeben. Stets aktiv packte sie neue Herausforderungen an, wo sie einen Bedarf sah. Daneben bildete sie sich zur Katechetin aus. Sie stellte eine Spielgruppe auf die Beine, unterrichtete zehn Jahre Migrantinnen und Migranten in der deutschen Sprache. In der Freiwilligentätigkeit der Pfarrei baute sie die Gruppe junger Mütter auf.

Offene Gespräche – auch über den Tod
Die Tochter war sechs Jahre alt – ein lebhaftes Kindergartenkind – als sie die Diagnose einer unheilbaren Stoffwechselkrankheit bekam. Es war ein Schock für die Familie. «Ich musste zuerst Dampf ablassen, wurde krank und wieder aufgepäppelt», erinnert sich Annemarie Iten an die schweren Zeiten. 10 Jahre begleitete sie zusammen mit ihrem Mann die Tochter beim langsamen Abbau, der das ganze Leben umstellte. Eine rollstuhlgängige Wohnung, ein entsprechendes Auto, eine passende Schule und später ein Pflegeplatz mussten gefunden werden. Daneben arbeitete Annemarie Iten, um die Mehraufwendungen bezahlen zu können. Zusätzlich wollten sie ihren Sohn nicht vergessen. Schmerzlich mussten die Eltern miterleben, wie die Tochter eine Fähigkeit nach der andern verlor, nicht mehr gehen, nicht mehr selbständig essen und zeichnen konnte. Eine Kinderpsychologin und einfühlsame Ärzte unterstützte sie in diesen schweren Zeiten. Für sie als Mutter war es wichtig, in der Familie viel und offen zu sprechen, auch über den Tod.

Ein Engel auf Erden
Stefanie war 10, als Annemarie im Fernsehen die Geschichte einer Mutter sah, die alles für ihr Kind gegeben hat. Sie spürte: «Ich liebe mein Kind über alles, muss aber auch noch irgendwie Platz für mich haben.» Sie versuchte, neben allen Verpflichtungen immer auch etwas für sich zu machen. Kurz wegzugehen, um durch zu schnaufen, sich wieder zu finden und zu erden. Auf einen Berg steigen und nach der Anstrengung des Aufstiegs die Weite geniessen.

Nach Stefanies Tod schrieb und gestaltete sie das Erinnerungsbuch «Stefanie, ein Engel auf Erden». Beim Sichten der Fotos für das Buch stellte sie überrascht fest: «Es gab kein einziges Bild, auf dem Stefanie nicht lachte oder lächelte.» Die Gewissheit, dass Stefanie trotz allem ein glückliches Kind war, tröstete sie in ihrer Trauer um den grossen Verlust. In Gedanken an ihre Tochter schrieb sie: «Weisst du, man muss vieles durchmachen, bis man im Leben spürt, was wichtig und was unwichtig ist. Ja, ja, durch dich konnten wir so vieles lernen. Aus der Tiefe leben – aus dem Herzen leben – nicht einfach so oberflächlich etwas in die Welt hinausschreien, um gehört zu werden. Du hast es still getan.»

Es muss etwas geben über uns
Nach dem Tod der Tochter fiel Annemarie Iten in ein Tief. Doch ihre Liebe zum Leben war stärker; sie hat sich wieder aufgerafft. Mit 45 Jahren absolvierte sie an der Pädagogischen Hochschule Zug die berufsbegleitende zweijährige Ausbildung zur Lehrerin für die Unterstufe, was damals wegen des Lehrermangels möglich war. Danach liess sie sich zur Erwachsenenbildnerin ausbilden. «Ich musste immer etwas tun, sonst wäre ich durchgedreht.»

Sie liebt die Kinder und das Unterrichten. Deshalb freut sie sich, dass sie ihren Beruf auch noch ein Jahr über das AHV-Alter ausüben darf. Ihren Schülerinnen und Schülern gibt sie auch Religionsunterricht und bereitet Kinder auf den Weissen Sonntag vor. «Ich bin gläubig, aber kirchenkritisch. Die Kirche und der Herrgott sind für mich zwei Paar Schuhe. Ich denke, es muss etwas geben über uns, ich hätte es sonst nicht geschafft. Stefanie ist jetzt am richtigen Ort. Das gibt mir Kraft.» Viel Freude schenkt ihr auch der siebenjährige Enkel. «Er ist ein Goldschatz. Es ist wunderbar, wie er in der Welt lebt, temperamentvoll und willensstark.»

Unbequem und beharrlich
Die Rückkehr des ehemaligen Heimleiters ins Klosterdorf und die Nachricht von der DVD über die Freizeit im Kinderheim haben Annemarie Iten aufgerüttelt. Auf ihre Initiative verlangten die ehemaligen Heimkinder die Herausgabe der DVD und die Aufarbeitung der Geschehnisse im Kinderheim trotz Verjährung. Ihr Anliegen wurde durch Berichte im «Beobachter» und in der «Rundschau» unterstützt. Dieses Engagement hat das Klosterdorf aufgewühlt. Ein Teil der Bevölkerung möchte lieber ruhen lassen, was vor 40 Jahren geschah. Das bekam Annemarie Iten zu spüren. Sie scheut sich nicht, unbequem zu sein und bleibt beharrlich dran. «Bei allen den Schicksalsschlägen habe ich mich manchmal gefragt, wo der Sinn meines Lebens sei. Jetzt weiss ich, dass ich noch eine Aufgabe habe. Wir stehen in Verhandlungen mit dem Bezirk und wollen eine Aufarbeitung», erklärt sie bestimmt. Um dem Anliegen Nachdruck zu verleihen, berichtet sie auch im Film «Hexenkinder» von ihren Erlebnissen im Kinderheim. «Es gibt so viel Ungerechtigkeit und Missbrauch auf der Welt. Ich möchte etwas dagegen tun – dort, wo es mir möglich ist.» Kraft dazu gibt ihr der Blick über die Nasenspitze hinaus auf das weltweite Geschehen.
«Ich danke Gott, dass ich hier leben kann.»

Quelle: GrossmütterRevolution (Monika Fischer)

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