Von Männer- und Frauenberufen, von Erziehung und späteren Lohnunterschieden
Die zukünftigen Schulabgängerinnen befassen sich momentan stark mit der Berufswahl. Dabei ist fast gewiss, dass sie in erster Linie geschlechtsspezifische Lehrberufe wählen. Es sind Büro- und Dienstleistungsberufe, während junge Männer sich meist für die klassischen Berufe in Technik und Handwerk entscheiden.
Im letzten Statistikjahr 2023 unterzeichneten insgesamt 5876 junge Frauen und Männer einen Lehrvertrag, wobei sich rund die Hälfte der Jugendlichen (2855) auf nur elf Berufe konzentrierte. Die Unterschiede bei der Berufswahl zeigten klare Unterschiede und variierten stark nach Geschlecht. Es ist anzunehmen, dass sich das Bild auch weiterhin bestätigt.
75 Prozent der jungen Frauen berücksichtigten im Jahr 2023 lediglich 14 Berufe. Die restlichen 25 Prozent verteilten sich auf weitere 114 Berufe. Die Ausbildung zur Kauffrau wurde klar am häufigsten gewählt, ebenfalls Ausbildungen im Gross- und Einzelhandel, sowie in Gesundheitsberufen und Sozialwesen.
Ausbildungsgänge zum Beispiel als medizinische Praxisassistenz oder als Fachfrau/Fachmann Apotheke wurden gemäss Statistik nur weiblich besetzt, während sich nur männliche Lehranfänger für Maurer-, Automobil- oder Metallbau-Berufe entschieden. Recht ausgewogen, bezüglich der Geschlechter, sieht es dann bei Berufen als Koch/Köchin, Maler/Malerin oder Detailhandelskauffrau/Detailhandelskaufmann oder für sonstige Kaufleute aus.
Mehr Mittelschülerinnen
1384 Jungendliche haben im Jahr 2023 eine Mittelschule besucht, davon sind 61 Prozent junge Frauen. Bei der Wahl des Lehrberufes zeigt sich klar eine weibliche Präferenz und auch die Wahl der Schwerpunktfächer fällt tendenziell geschlechtsspezifisch aus. Frauen wählen vorwiegend sprachliche, soziale und gestalterische, musische Ausrichtungen, Männer häufiger Physik/Mathematik und Informatik.
Für die Entscheidungen liegen verschiedenste Gründe vor. Im dualen Bildungssystem der Schweiz fällt die Berufswahl von jungen Menschen in eine Zeit, in der das Geschlecht eine wichtige Rolle bei der Identitätsfindung spielt. «Die Überschneidung von Berufs- und Identitätsfindung erschwert es Jugendlichen, den Mut aufzubringen, Geschlechtergrenzen zu überschreiten und geschlechtsuntypische Berufe zu wählen», steht im Bericht der Denkfabrik Avenir Suisse.
Vorbilder und «geschlechtsspezifische Begabungszuschreibungen» in Schule, Freizeit und daheim haben einen grossen Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen. Die Annahme, dass es «in der Natur der Frau liege», sich häuslichen, sozialen und gesundheitlichen Aufgaben zu widmen, beeinflusst ebenfalls die Berufswahl junger Frauen. Berufe, die körperliche Kraft und handwerkliches Geschick erfordern, gelten dagegen eher als männliche Stärken.
Nicht zu unterschätzen ist das traditionelle Bild zu Beziehungs- und Familienstrukturen. Junge Frauen wählen oft Berufe, in denen Teilzeitarbeit möglich ist. Junge Männer sehen sich auch heute als Hauptteil des Familienernährenden. Sie tendieren darum zu gut bezahlten Berufen im Vollzeitpensum, die spätere Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Die frühe Berufswahl beeinflusst aber besonders nach einiger Zeit das Familienbudget. Dann nämlich werden Weiterbildungsmöglichkeiten gewählt, die sowohl das Pensum, als auch insgesamt das Einkommen beeinflussen.
Lohnrelevante Wahl
Bereits mit der Berufswahl werden einschneidende Weichen gestellt, das ist vielen nicht bewusst. Unterschiedliche Gehaltsklassen bieten, je nach Beruf, weniger oder mehr attraktive Rahmenbedingungen. Tätigkeiten, die mit Aufgaben der privaten Sorge- und Hausarbeit verbunden sind, geniessen zudem ein eher geringes Ansehen. Darum werden Tätigkeiten in Bereichen wie Erziehung, Betreuung oder Kosmetik eher schlecht bezahlt, im Gegensatz zu Berufen mit höherem sozialem Status.
Eindrücklich wird dies im Bild gezeigt, welches die Lohnentwicklung in sechs verschiedenen Berufen beschreibt, beruhend auf Daten des Kantons St. Gallen im Statistikjahr 2023. Die orangen eingefärbten Berufe in der Grafik werden als durchwegs schlechter bezahlt ausgewiesen, es sind die sogenannten «Frauenberufe». Bei den grün eingefärbten «Männerberufen» zeigt sich hingegen ein anderes Bild.
Schon länger öffnet sich die Lohnschere schon bei den Einstiegslöhnen. Während Informatiker:innen oder Polymechaniker:innen rund 5400 Franken im Monat verdienen, verdienen Coffeusen/Coiffeure, Fachfrauen/-männer Betreuung und Fachleute Gesundheit rund 4500 Franken als Einstiegslohn. Nach fünf Jahren Berufserfahrung macht die Lücke bereits rund 2100 Franken Unterschied aus. In Berufen mit hohem Frauenanteil liegen die Löhne dann erst beim Einstiegslohn in Männerdomänen.