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Vortrag und Lesung – Die Fotografin Mia Hesse geb. Bernoulli – Werk und Leben

Aktuell ist in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada St. Gallen eine sehenswerte Sonderausstellung über das fotografische Werk von Mia Hesse-Bernoulli (1868-1963), der ersten Frau Hermann Hesses, zu sehen. Ihr Leben und Wirken ist neben dem berühmten Schriftsteller und Dichter zeitlebens unbekannt geblieben. Nun wird erstmalig in der Schweiz die aus Basel stammende Fotografin in der Frauenbibliothek bis zum 25. März vorgestellt. Am Mittwoch, den 18. März, 18.00 Uhr, Kunst Halle im Lagerhaus, Davidstrasse 40, stellt Dr. Eva Eberwein das Leben Mias neben Hermann Hesse in einem Vortrag und einer Lesung vor.

Sabine August

Was macht die Ausstellung so besuchenswert? Um 1900 lösen sich Mia Bernoulli und ihre 10-Jahre jüngere Schwester Tuccia aus dem engen und starren Milieu des Basler Grossbürgertums und setzen sich in der Wahl und Ausübung eines Berufes gegen ihre Eltern durch. Beide wollen unbedingt das Metier der Fotografie erlernen und hier insbesondere das der Kunstfotografie, die sich zu jener Zeit gegen die traditionelle Bildnisablichtung durchzusetzen beginnt. Die starre Haltung der Fotografierten im künstlich ausgestatteten Ambiente des Fotostudios wird abgelöst durch die natürlich eingenommene und aktive Haltung der Personen in ihrer privaten Umgebung. Vor allem auch die damals unerhört moderne Bildkomposition und Lichtführung in der Kunstfotografie wird ein neuer Stil, Personen, Familien und Gruppen lebendig und charakteristisch darzustellen. Die beiden Schwestern Bernoulli können jedoch in der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht den Beruf der Fotografin erlernen. Auch eine teure Ausbildung für höhere Töchter im deutschen Lette-Verein kommt nicht in Frage. So beginnt ihre Lehrzeit 1901 im renommierten Atelier “Elvira” bei der Frauenrechtlerin Sophia Goudstikker (1865-1924) in München. 1902 setzt Mia ihre Weiterbildung bei dem avantgardistischen Fotografen Rudolf Dührkoop in Hamburg fort, während Tuccia bei Adolf Miethe an der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin die Fototechnik erlernt.

1902 – Ein eigenes Fotoatelier

Ende 1902 eröffnen die Schwestern in der Bäumleinstrasse 14 in Basel ein Fotoatelier. Damals eigentlich ein Wunschtraum für Frauen. Doch gelingt es ihnen, beruflich unabhängig zu werden. Damit sind die beiden Frauen ein frühes Beispiel von Schweizerinnen, die einer eigenen Profession nachgehen. Hier hat die Ausstellung ihren Schwerpunkt.

1904 – Von Basel nach Gaienhofen am Bodensee

Die 35-jährige Mia Bernoulli heiratet im August 1904 den 26- jährigen Hermann Hesse und zieht mit ihm in das Dörfchen Gaienhofen auf der deutschen Seite des Bodensees. Es ist ein Ort, den Mia wegen seiner vermeintlichen Idylle und der bäuerlichen Einfachheit zu jener Zeit der Lebensreformbewegung selbst ausgesucht hat. Die Berufsfotografin mit eigenem Atelier in Basel tauscht das bisher gewohnte städtische Umfeld gegen ein zurückgezogenes Landleben an der Seite ihres Mannes als Ehefrau und schliesslich Mutter von drei Söhnen. Diese persönliche Seite, Mias Ehe mit Hermann Hesse, die von 1904 bis 1918 andauerte, steht nicht im Vordergrund der Sonderausstellung. Doch wird offensichtlich, dass Mia dem Atelier in Basel bis 1907 zwar treu bleibt – bis Tuccia mit ihrem Mann Rudolf Boehringer nach Amerika auswandert –, ihrem Beruf als Kunstfotografin am neuen Wohnort aber immer seltener nachgehen kann. Der Versuch in ihrem Haus ein Atelier zu betreiben scheitert mangels Kundschaft, die im bäuerlichen Milieu am Bodensee nicht zu finden ist. So wendet sie sich mehr und mehr den Familien- und Kinderportraits zu. Die Ehe beginnt nach der Geburt des letzten Kindes ernsthaft zu kriseln, nachdem Hermann Hesse zunehmend aus dem bürgerlichen Leben in die Arbeit flüchtet und ausgedehnte Reisen unternimmt. Sie sorgt allein für den Zusammenhalt des Familienlebens, bewirtschaftet ein grosses Haus und einen arbeitsintensiven Garten. Nach der endgültigen Trennung wird sie völlig zu Unrecht als “Anhängsel” ihres Ehemannes stigmatisiert, gar als geisteskrank schubladisiert, und droht somit völlig dem Vergessen anheim zu fallen.

2013 – Mia Hesse wird ins rechte Licht gerückt

Erst durch die Forschungsgruppe “Mia Hesse” – initiiert und geleitet von Eva Eberwein – wird die Bedeutung dieser fast vergessenen Frau, die vorzüglich die Lichtführung und Bildkomposition beherrschte, wieder ans Licht geholt und durch eine Publikation 2013 ins rechte Licht gerückt. Eigentlich war dies ein Zufall, denn nachdem Eva Eberwein das heruntergekommene Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen gekauft hatte und durch eine gründliche Restaurierung vor dem endgültigen Verfall rettete, geriet sie auf die verblassten Spuren von Mia Hesse und nahm diese wie ein Spürhund auf. Das, was ans Tageslicht geholt wurde, ist bemerkenswert, auch wenn trotzdem vieles im Dunkeln bleibt und Fotos sowie Briefe verschollen sind. So ist ihr und der Forschungsgruppe zeitgleich zur Publikation auch diese Ausstellung zu verdanken. Die im Haus gefundenen Objekte Mia Hesses wie der Wanderfotoapparat und weitere Arbeitsutensilien sowie die Zeugnisse ihres Oeuvres wurden am Originalschauplatz integriert. Dieser kann während den Monaten von April bis einschliesslich Oktober besucht werden. Damit wurde Mia Hesse geb. Bernoulli die Präsenz und Würde wiedergegeben, die man ihr jahrzehntelang verweigert hat. Organisiert wurde diese Ausstellungsübernahme von der Interessengemeinschaft Frau und Museum und der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada St. Gallen.

Vortrag mit Lesung am Mittwoch, den 18. März

um 18.00 Uhr in der Kunst Halle im Lagerhaus, Davidstrasse 40, wird Dr. Eva Eberwein das Leben Mias neben Hermann Hesse in einem Vortrag und einer Lesung vorstellen. Dabei geht sie den Fragen nach, wie sie mit den Umbrüchen umgegangen ist, was sie bewegt hat, wie ihr Alltag verlaufen ist und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatte. Aus Mias Briefen an Hermann Hesse entfaltet sich ein Frauenleben mit Sehnsüchten, Freuden und Enttäuschungen um 1900 im Schatten eines begabten und berühmten Mannes.

http://www.wyborada.ch/

Die Publikation “Lichtwerke. Mia Hesse, geb. Bernoulli, als Photographin. Versuch einer Nahaufnahme” ist in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada für 27.00 Fr. käuflich zu erwerben.

Am Mittwoch, den 18. März, 18.00 Uhr, Kunst Halle im Lagerhaus, Davidstrasse 40, stellt Dr. Eva Eberwein das Leben Mias neben Hermann Hesse in einem Vortrag und einer Lesung vor.

Die Sonderausstellung ist bis einschliesslich Mittwoch, den 25. März zu sehen und wird ab 18.00 Uhr mit einem Apéro beendet.

Mia Hesse-Bernouilli am Fenster

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