
Hedda Gabler, mit grossen Fragen
Gegen Ende der Spielzeit 2023/2024 des Theaters St. Gallen war die Premiere des Schauspiels Hedda Gabler angesagt, ein Schauspiel-Klassiker von Henrik Ibsen. In der Regie von Heike M. Goetze bietet die Produktion Gelegenheit, sich mit grossen Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen, sowie neben einem neuen St. Galler Ensemblemitglied auch international bekannte Gäste kennen zu lernen.
In der neuen Spielzeit 2024/2025 wird das Schauspiel im Programm wiederaufgenommen. Zum Finale der aktuellen Spielzeit stehen wie immer die Festspiele auf dem Programm, dieses Mal am neuen Spielort Tannenboden am Flumserberg, mit der Semi-Oper «The Fairy Queen» von Henry Purcell. Darüber hinaus steht auch der 20. Geburtstag der Festspiele an.
Ibsens Drama entstand 1890 und wurde 1891 in München uraufgeführt. Zum Inhalt: Hedda Gabler, dachte, dass ihr als Ehefrau des Kulturhistorikers Jörgen Tesman ein sorgloses Leben bevorsteht. Diese Hoffnung ist rasch verflogen, als sie realisiert, dass sich ihr Ehemann das gemeinsame Haus verschuldet hat und plötzlich ihr ehemaliger Liebhaber, Ejiert Lövborg, auftaucht. Dessen Publikation ist so erfolgreich, dass nun er und nicht Tesman als Spitzenkandidat für eine sicher geglaubte Professur gehandelt wird. Seinen wilden Lebenswandel, weswegen Hedda sich einst gezwungen sah, ihn zu verlassen, hat Lövborg inzwischen aufgegeben.
Warum Hedda Gabler bis heute nichts an Aktualität verloren hat, mag unter anderem daran liegen, dass die Titelfigur unterschiedliche Lesearten ermöglicht: Ist sie Biest oder vielleicht doch Opfer? Aber auch daran, dass sich an der Ausgangslage wenig geändert hat: Noch immer gibt eine patriarchalisch organisierte Gesellschaft Handlungsspielräume vor. Auf der Bühne zu sehen sind nicht nur Diana Dengler und Manuel Herwig aus dem Hausensemble, sondern schon Annabell Hertweck, die in der kommenden Saison fest dazu stossen wird. Die weiteren Rollen werden von Marie Bonnet, Martin Weigel und Simon Brusis dargestellt. Marie Bonnet ist zum ersten Mal in St. Gallen zu sehen.
Bei Heike M. Goetze laufen mehrere Fäden zusammen. Die Regisseurin führt bei Hedda Gabler nicht nur Regie, sondern ist verantwortlich für Kostüme und Bühnenbild. Bei Letztem fallen schroffe Kunstfelsen auf, die am linken und rechten Bühnenrand platziert sind. Für die Kostüme entwarf Heike M. Goetze eigene Textildesigns, wobei eines zusätzlich vom weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter Stoffkünstler Jakob Schläpfer stammt. Damit erweist sie der St. Galler Textilindustrie ihre Reverenz. Das Licht verantwortet Andreas Volk. Die Musik stammt vom deutsch-französischen Komponisten und Produzenten Fabian Kalker.
Und nun zur Kritik von Carlo Himmel, Schauspieler
Die Premiere von Henrik Ibsens «Hedda Gabler» Ende Mai am Stadttheater Sankt Gallen war wieder einmal glanzvoll. Eine hervorragende Leistung des gesamten Schauspiel- Ensembles stand an diesem Abend im Vordergrund. Besonders zu erwähnen wären, neben einer sehr dichten Hochleistungsbereitschaft des gesamten Bühnenensembles, Marie Bonnet, die ihrer Hedda eine nahezu übermenschlich vitale Körperlichkeit verleiht. Sie bewegt sich dadurch mit Ihrer Figur während des gesamten Handlungsverlaufs scheinbar an den Grenzen von Vitalität, Leben und Tod. Heddas Existenz wird in dieser Inszenierung im Laufe des Stückes wie eine Art weiblicher Jekyll und Hyde, erst im Crescendo ihrer rücksichtslosen Boshaftigkeit immer lebendiger. Sie scheint sich erst in den Extremen tatsächlich zu spüren.
Auch die interessante Figur des Richter Brack wird bravourös von Simon Brusis verkörpert. Er durchdringt, in den von der Regie wunderbar geöffneten Räumen, mühelos mit seiner eindrucksvollen Sprechstimme den gesamten Saal im Grossen Haus des Theaters St. Gallen. Ibsen äussert in dem Stück, mit Hilfe der genialen Regisseurin Heike M. Goetze, ein wirtschaftlich- patriarchales Gesellschaftsbild, in dem sie die polarisierenden Lebenssituationen der einzelnen auf der Bühne handelnden Figuren brillant stets im Fortissimo zur Schau stellt.
Text: Theater St. Gallen / ostschweizerinnen.ch / Kritik: Carlo Himmel / Bilder: Theater St. Gallen / Jos Schmid