
Am grössten Volksfest der Schweiz Geschichte erleben
«Die schönste Zeit in und um Baden», nennt der Badener Stadtammann, Markus Schneider, die zehn Tage der Badenfahrt. Vom 18. bis 27. August geht sie unter dem Motto «Neo-Badenfahrt» als hundertjähriges Fest, doch zum 13. Mal, über die Bühne.
1918 endete der Erste Weltkrieg. Darauf folgte eine Zeit grosser gesellschaftlicher Spaltung. Die gut situierte Mittelschicht erfreute sich an den Schönheiten des Lebens, mit Kulturangeboten wie Kinos Revues und Matinées, während die Armut der unteren Schichten, auch aufgrund der Inflation, stetig wuchs. Die Volksabstimmungen drehten sich um Arbeitsrechte, Spielbankenverbote und um den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund. Man sprach sich für ein differenziertes
Neutralitätsverständnis aus und führte auch bald das Bankengeheimnis ein. Als Kutschen die Damen und Herren der Higher Society durch die Weite Gasse und über den Schulhausplatz fuhren, verbreitete sich auch bald schon der Dampf der Spanischbrödlibahn über Baden aus. Die erste Eisenbahn der Schweiz brachte Baden und Zürich nahe zusammen und schuf für die Jahrhunderte alte Bäderlandschaft eine neue Blütezeit. Von den Goldenen Zwanzigern spürte der grösste Teil der Bevölkerung Badens allerdings nichts und die Stimmung war dementsprechend angespannt. Es sollte darum ein Fest gefeiert werden, das Gemeinsamkeiten schaffen konnte und Reich und Arm partizipieren liess – eine richtige grosse «Badenfahrt», erinnernd an die langen Verhandlungen, die 1714 zum «Frieden von Baden» führten und den Spanischen Erbfolgekrieg beendeten.
Gemeinschaft im Zentrum
Der Begriff «Badenfahrt» wurde ebenfalls im Mittelalter geprägt. Damals war das Städtchen mit seinen thermalen Quellen als berühmtes Reiseziel bekannt und zog, nebst Kurgästen, auch weltliche und geistliche Würdenträger aus aller Herren Länder an. Baden als Bäderstadt und später auch die Badenfahrt wurden in zahlreichen Büchern und Poesien erwähnt. Die Badenden sollen hauptsächlich gesund gewesen sein, viele auch «auf der Suche nach Liebesgefühlen und sinnlichen Eindrücken, doch auch unfruchtbare Frauen und Menschen, die allein von der Natur geschult worden sind», beschrieb etwa ein reicher Sekretär aus Florenz das Geschehen. Unter dem Motto «Der europäische Friedenskongress» wurde an der Badenfahrt 1923 Geld für die Theaterstiftung der Bäder gesammelt. Mit der Badenfahrt 1937 lebte man «Im Wandel der Zeit» und liess den Biedermeier vor schönster Kulisse und zum 90 Jahr-Jubiläum der Spanischbrödlibahn wiederauferstehen. 1947 stand unter dem Motto «Tragen, Schleppen, Fahren». Die Badenfahrten ab 1957 fielen für zehn Jahre wegen Verkehrssanierungen aus.1967 widmete man das Stadtfest unter dem Motto «Räder machen Leute» der Integration und Gemeinschafsförderung. Seit 1972 – dem 125-Jahre-Jubiläum der ersten Eisenbahn der Schweiz – wurde auf fünfjährige Durchführung, alternierend als grosse und kleine Badenfahrt umgestellt. 1977 stand unter dem Motto «Wasser», 1982 unter «Illusionen», 1987 unter «Bade fahrt ab» und 1991 – sinnvollerweise zur 700-Jahr-Feier der Schweiz – zum Thema «Swiss made», während man 1997 im grossen Stil «La Badenfahrt» genoss.
Seit 2017 Kulturerbe
Baden war inzwischen längst zur «Weltstadt» und interessanten Alternative zu Zürich geworden. So feierte man 2007 die «Welt statt Baden» mit fünf Festbezirken mit Untertiteln wie Götterwelten, Wasserwelten oder Südseeträume. Um «Geschichten Schichten» ging es 2012 und um Erinnerungen an die Schleifung von Schloss Stein nach der Kapitulation im Zweiten Villmergerkrieg. Alles im Sinne von «Versus», ob Nord oder Süd, Oben oder Unten, ging es 2017, an der letzten durchgeführten grossen Badenfahrt, die mit einem Besucherrekord von über einer Million abschloss. Geschichte wird auch vom 18. bis 27. August an der 100-Jahr-Jubiläums-Badenfahrt geschrieben. «NEO» wird im Zentrum stehen und soll Brücken ins neue Jahrhundert bilden. Die Geschichte wird natürlich ein zentraler Bestandteil dieses Festes sein, die Grenze zwischen Bestehendem und Neuem. Die Unterschiede und Erlebnisse der 13 durchgeführten Badenfahrten. «Das Motto steht für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft», sagt Antonia Businger, Festgestalterin der Badenfahrt 2023 zum modernen Begriff «Neo». Es gehören dazu schrille und auch sanfte Vibes, gebunden in einen Blumenstrauss aus über 100 Projekten. Die kollektive Gesamtleistung wird wieder durch Dutzende Einzelengagements entwickelt. Gross und Klein darf staunen, erleben, feiern und geniessen, denn «jede Badenfahrt hinterlässt Spuren», wie Antonia Businger zusammenfasst.