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Die “Frau des Jahrhunderts”, Kosmonautin, Generalin Majorin Walentina Tereschkowa, würde gern auf den Mars fliegen

Die “Frau des Jahrhunderts”, Kosmonautin, Generalin Majorin Walentina Tereschkowa, würde gern auf den Mars fliegen

Wer wünscht sich schon, seinen Lebensabend auf dem Mars verbringen zu können? Die Russin Walentina Tereschkowa jedenfalls möchte dies. Die erste Frau im Weltall umkreiste 48 mal die Erde und war an Bord der Vostok 6 drei volle Tage im All unterwegs. Keine Kosmonautin/Astronautin prägte die Geschichte der Raumfahrt so wie sie – und gleichzeitig ist sie eine der grössten Frauenrechtskämpferinnen der damaligen UdSSR.

Wäre es nach Vater Tereschkowa gegangen, wäre Walentina ein Walentin und am 8. März, dem internationalen Frauentag, geboren geworden. Doch Walentina zeigte es ihm: Sie kam nicht nur zwei Tage früher als geplant, sondern wurde auch noch ein Mädchen – und was für eines. Im März 1937 war jene Zeit, in der in der Sowjetunion nur Stalin zählte und Erschiessungen, Denunzination, Willkür und dergleichen zur Normalität gehörten. Die Tereschkowys blieben irgendwie von allem verschont, jedenfalls bis ein paar Jahre danach Walentinas Vater an der Front starb.

Walentina ging schon zur Schule, als endlich das Ende de Zweiten Weltkriegs abzusehen war. Sie fiel schon damals als spezielles und unerschrockenes Persönchen auf, bastelte sich beispielsweise mit zehn Jahren aus Bettlaken einen Fallschirm und sprang damit vom Baum. Schrammen an Kopf und im Gesicht waren die schmerzhaften Folgen davon, doch von der Abenteuerlust wurde Walentina dennoch nicht geheilt.

Das Wettrennen um den Himmel war Sublimation des Dritten Weltkrieges Die sowjetisch-amerikanische Waffenbruderschaft schlitterte unaufhaltsam in den “Kalten Krieg”. Die amerikanische Wirtschaft boomte, jene der Sowjetunion dagegen war am Boden: der europäische Teil des Landes war durch den Krieg praktisch zerstört. Der Hunger 1947, Atomtests, Chruschtschows Anti-Stalin-Rede auf dem 20. Parteitag, der Kampf um den ersten Menschen im Weltall, die Kubakrise – das war die Atmosphäre, in der Walentina Ihre Sozialisation erfuhr. Und auch “die erste Frau im All” war entsprechend ins gesamte Propagandapaket hineinkonzipiert.

Die fünfundzwanzigjährige Walentina, eine begeisterte Sportfallschirmspringerin, war jedenfalls mehr als überrascht, als man sie mit vier anderen Sportlerinnen ins “Zentrum” einlud. Ihr, der Tochter einer armen Familie aus dem russischen Dorf Maslenikowo, ihr, die noch vor kurzem in einer Fabrik als Zuschneiderin arbeitete, war es beschieden, Geschichte zu schreiben. Am Sonntag, 16. Juni 1963, war es so weit.

Nikita Chruschtschow hatte sich dieses Datum in seinem Kalender schon zwei Wochen vorher rot angestrichen. Drei Tausend Kilometer von Moskau, in einer öden Gegend Kasachstans, östlich des Aralsees, bestieg eine Frau im orangen Weltraumanzug die Raumkapsel “Wostok–5”. Sie bekam die Rufzeichen “Tschajka”, was  auf Deutsch “Möwe” heisst.

Nachdem die letzten Checks durchgeführt waren, zündeten die Triebwerke. Walentinas Mutter bügelte zu Hause, als plötzlich die Nachbarinnen heftig an ihre Tür klopften: “Komm schnell! Deine Walentina ist  im Fernsehen zu sehen, sie ist in den Weltraum geflogen!!!”. Die “Tschajka” umkreiste 48-mal die Erde und landete bei Nowosibirsk. Das schwärzeste Schwarz des Alls, seine Grabesstille, das grelle weisse Licht der Sonne und das seltsame Blau des Planeten Erde, vergass Walentina nie.

Drei Tage Flug ermöglichten ihr eine neue Perspektive auf die existenzielle Probleme der Menschheit: “Unser Planet”, soll sie damals begeistert aus kosmischer Höhe gerufen haben. Mit Betonung auf “unser”.  Drei Tage später, als die “Regierungs”-Iljuschin die frischgebackene Heldin der Sowjetunion nach Moskau brachte, erwarteten sie dort Mutter, Generalsekretär und grosser Jubel. Da die Höhepunkte von Tereschkowas Laufbahn mit denen des Kalten Krieges zusammenfielen, mutierte die erste CCCP-Kosmonautin gezwungenermassen zur “Botschafterin des Sozialismus”.

Genauso wie Gagarins Lächeln, trugen auch Tereschkowas Auslandsreisen sicherlich zur Demystifikation des “Sowjetmenschen” bei. Auszeichnungen, Prawda- und Izwestiasuperlative, Empfänge, formatierte Reden und Spatenstiche überrumpelten sie förmlich. Was sie aufrechterhielt, war die Freundschaft zu Gagarin. Die Welt, die er sich aufgebaut hatte, gab es auch für diesen nicht mehr. Um sein Leben nicht zu gefährden, verhängte man über ihn Flugverbot. Tereschkowa erkannte die Tragik der Situation. Sie freute sich, als Gagarin endlich als Ersatzmann der “Sojuz 1” nominiert wurde, derjenigen Sojuz, die am 24. April 1967 mit W. Komarow abstürzen sollte.

Tereschkowa war geschockt. Ein Jahr später schritt sie hinter Gagarins Urne über den Roten Platz: Nur 18 Tage nach seinem 34. Geburtstag, starb er bei einer MiG-Katastrophe nicht weit von Moskau entfernt. Nach der Tereschkowa-Visite im Welttraum wurde im Deutschen der Begriff “der bemannten Raumfahrt” politisch unkorrekt. Tereschkowa gehört zu der Sorte exponierter Menschen, die sich dem Ritual der Offenbarung eher widerwillig aussetzen: Sie gibt auch heute kaum Interviews und erzählte nie über Privates.

Unerwartet für viele, heiratete Walentina fünf Monate nach ihrem Flug den Kosmonauten Andrian Nikolajew, den einzigen Junggesellen im Kosmonautentrupp. Verkuppelt – so die Gerüchte – soll die beiden Chruschtschow persönlich haben. Für die MedizinerInnen war die Heirat auch nicht ohne Interesse: Tereschkowa gebar bald ein gesundes Mädchen, Aljona. Doch die Kosmonauten-Ehe bekam einen Riss. Es kostete Tereschkowa viel Kraft und Mut, die Scheidung einzureichen und durchzusetzen. Sie heiratete nochmals. Einen Chirurgen. Diesmal war es eine grosse Liebe. Tereschkowas Ansuchen um den 2. Flug ins All im Jahre 1975 landete nach langem Hin und her im Papierkorb.

Tereschkowa entdeckte in sich die grosse Passion für Frauenrechte und nachdem sie den Posten der Vorsitzenden des Sowjetischen Frauenkomitees bekam, avancierte die Kosmonautin zu der letzten Petitionsinstanz. Mit Lächeln erinnert sich Tereschkowa heute an ihre Landung bei der Rückkehr auf die Erde: wie sie – nachdem der Fallschirm aufgegangen ist – ganz weit unter sich einen See entdeckte. Vorm Notwassern hatte sie keine Angst, sie stellte sich nur vor, wie ihre Kollegen–Kosmonaten darüber lachen würden: “Man schickt ein einziges Mal eine Frau in den Orbit und diese schafft es, den einzigen See in der Gegend zu finden.”

Der Seitenwind war stark genug und Terschkowa verfehlte den See. Es gibt Dinge, über die sie nicht lachen kann: Über den Aberglauben unter den Kosmonauten, dass Frauen Unglück bringen, über die Sprüche wie “das erste Lebewesen im All (gemeint war die Hündin Laika) war doch ein Weibchen”, über immer wieder strapazierte Gerüchte, sie habe bei der Landung ihr Bewusstsein verloren, sei ins Krankenhaus gebracht worden und musste am nächsten Tag vor der Rückkehrkapsel die-Nach-der–Landungs-Szene nachstellen. Das Fliegen ins All war auch 1989 noch immer ein russisches Roulett, auch als Michail Gorbatschow sein eigenes Leben und das Leben seiner Nation als absurdes Theater empfand und sich wagte, das Rad der Zeit weiter vorwärts zu drehen.

Tereschkowa wurde zur Komplizin seiner Performance, ist froh über die Freiheiten und gleichzeitig geschockt: vieles unterliegt plötzlich nur dem Diktat von Angebot und Nachfrage, die Stärksten und die Frechsten starten Raubzüge und nennen es Privatisierung. Und dann gab es die Sowjetunion nicht mehr. Auch Walentina Tereschkowa musste einen Zugriff zu ihrer neuen Heimat Russland wiederfinden. Sie gehört zu der Sorte postsowjetischer Menschen, die noch immer ihrer UdSSR-Heimat nachtrauert, diese aber in der gehabten Form nicht wiederhaben haben wollen. Wenn irgendwo auf der Welt ein Raumschiff den Menschen auf den Orbit hievt, drückt sie diesem ihren Daumen: das Fliegen ins All unabhängig von der Nation ist immer noch ein russisches Roulett… Generalin Majorin Tereschkowa ist mittlerweile Witwe und lebt in Moskau.

PS: Am 12.Oktober 2000 wurde W. Tereschkowa in London mit dem Titel “Frau des Jahrhunderts” geehrt. Ein Tal auf dem Mond wurde zu ihrer Ehre benannt.

Bild: Generalin Majorin Walentina Tereschkowa

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