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Missbrauch, Mobbing und Willkür – Kunstschaffen in der Schweiz hat noch oft seinen Preis

Missbrauch, Mobbing und Willkür – Kunstschaffen in der Schweiz hat noch oft seinen Preis

Es gäbe Regisseure, die eher ins Gefängnis als auf die Bühne gehörten, sagt ein Insider der Theaterszene Schweiz. Obwohl die meisten und ärgsten Fälle wohl in der Vergangenheit lägen und die damaligen Opfer zwischen 60 und 80 Jahre alt seien, sei das Problem aber weiterhin präsent. Und damals hätten übergriffiges Verhalten und Machtmissbrauch zum Alltag gehört. Eine kürzlich abgeschlossene Umfrage des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes bestätigt dies.

Vier von fünf Künstlerinnen und Künstlern werden offensichtlich Opfer von sexueller Belästigung und übergriffigem Gehabe. 260 Mitglieder meldeten im Rahmen der Umfrage 577 Vorwürfe an. In den USA hat man das Thema durch die #MeToo-Aufschreie schon länger erkannt, doch in der Schweiz blieben Missstände bisher weiterhin unter der Decke versteckt.

Es betrifft meistens Frauen, die vermeintliche ‘Massagen’ und weitere unangemessene Berührungen über sich ergehen lassen müssen. Sexistische Sprüche und Blossstellungen durch Regisseure sind ebenfalls nicht selten. Doch auch ein Schauspieler erzählt von einem Vorfall mit einer Regisseurin: «Soll ich dir einen blasen, du wirkst so angespannt?» Homophobe und sexistische Sprüche kommen im Kunstbusiness viel zu häufig vor.

Schauspieler Michael Ransburg ist einer der wenigen Kunstschaffenden, der mit vollem Namen Vorwürfe zu Mobbing, Willkür und Missachtung erhebt. Der ehemalige Indendant des Schauspielhauses Zürich, Matthias Hartmann, habe ihn psychisch terrorisiert. Doch natürlich weist der Beschuldigte jede Verantwortung von sich. Nur: Ransburg ist nicht der einzige Kunstschaffende, der Vorwürfe äussert, denn schon vor zwei Jahren schrieben mehrere ehemalige Mitarbeitende des ehemaligen Burgtheater-Chefs (2009 – 2014) von einer damaligen Atmosphäre der Verunsicherung und Angst.

«Wenn ich etwas erzähle, dann wäre das mein letztes Engagement», sagt eine Sängerin, die Angebote für Rollen zum Tausch gegen Sex erhielt. Eine andere berichtet von einem schweren Erlebnis, das bis heute auf ihre privaten Beziehungen Auswirkungen zeige.

Wer im Kunstbusiness Macht und Renommee besitzt, hat leider nichts zu befürchten. Doch die grösste Gefahr bestehe darin, dass man unangebrachte, übergriffige Praktiken zu normalisieren versuche. Hätte ein Regisseur zum Beispiel bei einer Probe eine junge Schauspielerin auf seinen Schoss gezerrt, hätten alle gelacht und niemand habe es gewagt, zu intervenieren.

Ransburg lehnte übrigens ein lukratives Angebot ab, denn auf der Liste der Mitwirkenden stand der Name eines ehemaligen Peinigers drauf. Er lehnte auch eine Festanstellung ab – aus demselben Grund. Hingegen hat er in einem Einpersonenstück seine Erlebnisse niedergeschrieben und arbeitet mittlerweile freischaffend. Er ist recht glücklich mit seiner jetzigen Situation, doch im Coronajahr wird auch er die Auswirkungen seiner Entscheidungen doppelt hart spüren müssen…

Bild: SBKV

#MeToo ist ein Hashtag (#), das seit Mitte Oktober 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals Verbreitung in den sozialen Netzwerken erfährt. Die Phrase „Me too“ (Deutsch „ich auch“) geht auf die Aktivistin Tarana Burke zurück und wurde als Hashtag durch die Schauspielerin Alyssa Milano populär, die betroffene Frauen ermutigte, mit Tweets auf das Ausmass sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Seitdem wurde dieses Hashtag millionenfach genutzt.

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