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Mutterschaft und Feminismus – Vortrag vom 1. März in St. Gallen

Mutterschaft und Feminismus – Vortrag vom 1. März in St. Gallen

Am Dienstag, 1. März wird Mariam Irene Tazi-Preve im Raum für Literatur einen Vortrag mit dem Titel “Die Mutterfalle” halten. Die Politikwissenschaftlerin kommt auf Einladung des MatriArchivs und der Frauenbibliothek Wyborada nach St.Gallen. Sie ist auch Mitherausgeberin der Zeitschrift “Bumerang” und betreute die Herbstnummer 2015 mit dem Schwerpunkt “Mutterschaft im Patriarchat”. Der folgende Text ist ihrem Beitrag in dieser Zeitschrift entnommen.

Von Mariam I. Tazi-Preve

Der öffentliche Diskurs ist von zwei Themen geprägt; der eine dreht sich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, also die ökonomische Seite und der andere hat mit der Fortpflanzung zu tun, mit den Geburtenraten und deren politischen Implikationen. Dass Frauen “alles haben können” und die angebliche “Wahlfreiheit” sind die Schlüsselworte dazu. In Europa dominiert die sozialdemokratische Ansicht und in den USA die liberalen Feministinnen und deren Konzept, dass Frauen durch Arbeit und Karriere frei würden. Die Gendermainstreaming-Programme der EU sind angeblich dazu da, “Gender Equality” herzustellen; in der Praxis werden damit Frauen den Europäischen Verträgen unterworfen, die einzig dem ökonomischen Wachstum der Europäischen Union und ihrer “Wettbewerbsfähigkeit” – gegenüber den USA, China und anderen – dient. D.h. ein solches Verständnis von Feminismus meint Gleichheit mit Männern um jeden Preis, ohne die ökonomische Agenda des Neoliberalismus, seine Regeln und Praktiken, zu hinterfragen.

Das andere Thema zur Mutterschaft ist das zur Reproduktion, das besonders in drei Punkten zur Sprache kommt. Erstens haben sich dabei die Debatten rund um den Schwangerschaftsabbruch zu Schlachtfeldern entwickelt. Zum zweiten brachten die niedrigen Geburtenraten in Europa seit den 1980er Jahren einen neuen Anreiz die Bevölkerungspolitiken zu verstärken. Zum dritten hat sich im Kontext der reproduktiven Technologien das Sprechen über den mütterlichen Körper und ihrer Zeugungsfähigkeit über die letzten Jahrzehnte dramatisch verändert. Der neoliberale Zugang, alles zur Ware zu erklären wurde zum Allgemeinverständnis und führte dazu, auch den eigenen Körper als solche zu begreifen. Damit wurde der Weg bereitet, aus Frauen “body shops” zu machen.

Meine These ist, dass die heutige Mutterschaft, die ich “patriarchale Mutterschaft” nenne, auf dem historischen Muttermord basiert und ein Kunstprodukt darstellt mit dem finalen Ziel, die Mutter technologisch gänzlich abzuschaffen. In meiner frühesten Arbeit hatte ich gezeigt, dass die Mutter in Mythologie, Religion und Psychologie sowie durch die Instanzen und Vertreter/innen der Medizin, Rechtsprechung und Politik abgeschafft und durch den Vater als angeblichen Schöpfer ersetzt wurde. So löste das Patriarchat das Matriarchat ab (das ich im Folgenden erklären werde). Wichtig zum Verständnis ist, dass die (patriarchale) Mutter (noch) am Leben ist – da sie noch als Schwangere, als Betreuungsperson und als Arbeiterin benötigt wird – aber die Bedingungen und Zwänge, denen sie unterliegt, sind Resultat einer erzwungenen Transformation. Daher befindet sich die patriarchale Mutter in der “Mutterfalle”.

Die Zweite Frauenbewegung benannte zwar die fundamentalen Probleme, konnte aber keinen radikalen Wandel herbeiführen. Um zu verstehen, warum die “Frauenfrage” nicht gelöst wird, sondern sich ganz im Gegenteil verschlechtert, wurde die Entwicklung neuer analytischer Hilfsmittel eine dringende Aufgabe. Die meiste akademische Forschung trägt nämlich zur Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Fragestellung bei. In Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft werden Studien zur Mutterschaft aus ökonomischer Perspektive auf das Familienleben und den Arbeitsmarkt gestellt oder zum mütterlichen psychosozialen Zustand während Schwangerschaft, Geburt, Post-partum und in den ersten Lebensjahren des Kindes. Diese Ansätze sind meistens deskriptiv, aus einer einzelnen Disziplin und unpolitisch. Es fehlt hier nicht nur das umfassende, also interdisziplinäre Bild, sondern auch die Erkenntnis, unter welchen Zwängen die Mutterschaft steht und welchen Gewaltakten sie unterworfen war und ist. Galtung (1988) hat Gewalt in die physische, kulturelle und strukturelle Form unterteilt. Ich nenne die patriarchale Mutterschaft von daher das Resultat gewalttätiger Strukturen.

Die feministische Forschung als Teil des Problems

Je länger ich mit der patriarchatskritischen Herangehensweise an die Mutterschaft befasste, desto klarer wurde die Erkenntnis, dass die letzten 20 Jahre feministische Forschung nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind. Mehrere Trends haben das heutige Bild der Mutter erzeugt. Der eine ist der Kurs, den der Feminismus in der Theorie genommen hat. Als die postmoderne Theorie, mit Michel Foucault an der Spitze, in die feministische Theorie Einzug hielt, wurde die feministische Sozialwissenschaft völlig ausgehebelt. Judith Butler hat die Theorie der Gender Performativität entwickelt, die jegliche Naturhaftigkeit am weiblichen Körper bestreitet und so das kollektive Verständnis von Frau verunmöglicht. Meines Wissens gibt es keine parallele Entwicklung, die gleichermaßen die Abschaffung der Männer zum Ziel hat. In der universitären Forschung ist seither der Trend zu verzeichnen, das “Frauenproblem” zu individualisieren und die systemische Sichtweise abzublocken. In einer geschlechtsneutralen Welt wird der politische Aktivismus gegen strukturelle Ungerechtigkeit und Gewalt verunmöglicht, die “Frauenfrage” zum rhetorischen Problem und der Feminismus verliert seine transformative Kraft.

Der praktische politische Diskurs wiederum, also die nationale Frauenpolitik, wird von liberalen und sozialdemokratischen Feministinnen dominiert. In beiden Ansätzen wird die Berufstätigkeit als Garant für Freiheit propagiert und die Mutterschaft als Privatsache erachtet. Das unausgesetzte Sich-Anstrengen der Frauen seit 40 Jahren hat sich aber immer noch nicht gelohnt – sie verfügen weder über dieselbe Einkommenshöhe, noch über dieselben Positionen wie Männer und liegen daher in Sachen Finanzen, Macht und Einkommen weit abgeschlagen. Langsam wird dies manchen Gleichheits-Anhängerinnen klar. Solche Schlussfolgerungen tun den Gendermainstreampolitiken der EU aber keinen Abbruch. Im Gegenteil.

In einer unheiligen Allianz liberaler, sozialdemokratischer und Ansätzen der Gender Theoretikerinnen dominieren Themen zu “Intersektionalität” und “Identitätstheorie” den akademischen und politischen Diskurs. Frauenforschung wurde ersetzt durch Gender Studies und neuerdings durch “Sexuality Studies”, die sich mit der sexuellen Orientierung beschäftigen. Durch diese Veränderung wird die feministische Bewegung nicht nur entschärft, sondern zerstört, das Geld fließt nun in apolitische Forschung zur “Gender Frage” und Themen der sexuellen Identität. Die laufenden Debatten um die Ehe für homosexuelle Paare fungieren aber viel eher als Ablenkungsmanöver von den realen sich verschärfenden Entwicklungen für Frauen im Patriarchat.

Das neoliberale und das matrilineare Mutterbild

Das Mutterbild ist nachhaltig von der neuen Wirtschaftsform des Neoliberalismus geprägt. In der neoliberalen Welt stellt die Mutter den essentiellen Teil der Familien-Maschine dar, in der jegliche soziale Verbindung, Gegenseitigkeit und Solidarität verloren geht. Eine Welt, wo Frauen das Zentrum eines Netzes sozialer Beziehungen sind und eine mütterliche Kultur schaffen, kommt unter enormen Druck. Diese mütterliche Kultur entsteht ab dem Tag der Geburt des Kindes, indem Zeit miteinander verbracht wird und mit anderen Müttern und Freundinnen, wo gekocht wird und Essen miteinander eingenommen wird, durch Handarbeit und Handwerk, durch das Kreieren von Zirkeln und Räumen. All dies soll dem Verständnis einer Welt der Profitmaximierung weichen, indem die Mutter auf ihre Funktion der Menschenproduktion reduziert wird.

Meine Arbeit ist wesentlich beeinflusst von den modernen Matriarchatsstudien, insbesondere von den Erkenntnissen zur Matrilinearität. Viele lebende matriarchale Kulturen spannen sich über den ganzen Globus und sind gut erforscht. Sie existieren in Südchina (die Mosuo), auf der indonesischen Insel Sumatra (die Minangkabau), sie sind in Indien (z.B. die Khasi), in Afrika und bei den indigenen Völkern der Amerikas zu finden. Alle matriarchalen Gesellschaften haben ähnliche Grundcharakteristika; viele von ihnen sind den Patriarchalisierungsbestrebungen der sie umgebenden Gesellschaften ausgesetzt. Dies geschieht auf ökonomischer Ebene (Abschaffung des Gemeinschaftseigentums, veränderte Transportbedingungen durch den Tourismus etc.), auf religiöser (Missionarstätigkeit) und auf politischer Ebene (z.B. Einführung von Ehe- und Familienrecht).

Größtenteils beziehe ich mich in meinen Ausführungen zum Matriarchat auf Heide Göttner-Abendroth, die Modelle der sozialen Organisation matrilinear organisierter Gesellschaften erarbeitet hat. Das Grundprinzip ist die Orientierung an der Mutterlinie, die sich um die Clanmutter zentriert. In matrilinearen Familien leben Mütter, Geschwister und Kinder zusammen oder in unmittelbarere Nähe. Der mütterliche Name wird von Generation zu Generation weitergegeben. Familie bedeutet Verwandtschaft über die Mutter, nicht über Heirat oder einen Vater.

Das ist ein komplett anderes Verständnis als das in westlichen Gesellschaften allgemein übliche. Es zeigt, dass das hiesige einem völlig verkehrten unterliegt und alle Grundprinzipien auf den Kopf gestellt hat. In der Matrilinearität sind nämlich alle Frauen einer Familie die Mütter aller Kinder. Erotische Beziehungen und Ehen sind nicht Teil der Familie, sondern werden ganz und gar als private Angelegenheiten erachtet. Normalerweise zieht weder der Ehemann ins Haus der Ehefrau noch umgekehrt. Ehen sind außerdem keineswegs so bindend und mit allen rechtlichen Konsequenzen versehen wie hierzulande. Sogenannte Besuchsehen, in denen der Ehemann die Frau besucht und über Nacht bleibt, sind weitverbreitet. Die emotionale und ökonomische Unterstützung für die Kinder kommt von der mütterlichen Linie und das Fehlen der emotionalen und wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Ehemann sind Teil des Grundprinzips. Der Mutterbruder ist der soziale Vater der Kinder seiner Schwestern.

Quelle: Bumerang. Zeitschrift für Patriarchatskritik

Die Mutterfalle
Vortrag von Mariam Irene Tazi-Preve
Dienstag, 1. März 2016, 19.00 Uhr
St.Gallen, Raum für Literatur, Hauptpost, Eingang St. Leonhardstr. 40, 3. Stock

Weitere Informationen zum Vortrag in St.Gallen auf der Website des MatriArchivs.

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