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Prinzhorns Schweizerinnen und Schweizer «zu Hause» zu sehen

Prinzhorns Schweizerinnen und Schweizer «zu Hause» zu sehen

Aktuell ist eine Doppelausstellung bis am 4. März im Lagerhaus an der Davidstrasse 44 in St. Gallen zu sehen: die Präsentationen «Prinzhorns Schweizer» und «Karl Maximilian Würtenberger. Den Besucherinnen und Besuchern wird zum ersten Mal der Einblick in die Geschichte der berühmten Sammlung Prinzhorn gewährt und als Teil der Schweizer Geschichte der Art Brut vorgestellt.

Die Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg gilt als «Mutter der Art Brut». Berühmt wurde sie durch Hans Prinzhorns Buch «Bildnerei der Geisteskranken» (1922), das schon die Künstler der Avantgarde inspirierte. Parallel zu Prinzhorns Buch, erschien das Buch des Schweizers Psychiaters Walter Morgenthaler zu Adolf Wölfli «Ein Geisteskranker als Künstler» (1921). Wölflis Werke sind ebenfalls in der Prinzhorn Sammlung vertreten. Wegweisend war seinerzeit die Wiederentdeckung des Heidelberger Fundus durch den Schweizer Kurator Harald Szeemann mit seiner Ausstellung «Bildnerei der Geisteskranken- Brut-Insania Pingens» 1963 in der Kunsthalle Bern und 1972 mit seiner Inszenierung an der documenta 5 mit Wölfli und Heinrich Anton Müller.

Die Sammlung Prinzhorn mit ausdrucksstarken Werken

1919 wird der promovierte Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn an die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg berufen. Prinzhorn schickt ein Rundschreiben an die psychiatrischen Anstalten im deutschsprachigen Raum. Er bittet um ausdrucksstarke Patientenarbeiten für den Aufbau eines «Museum für pathologische Kunst». Aber erst 2001 erhält die Sammlung Prinzhorn endlich ein eigenes Museum auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg. Auf den Aufruf  Prinzhorns kamen aus der Schweiz Werke aus Wil, Herisau, Kreuzlingen, Münsterlingen Schaffhausen, Zürich, der Rheinau, Münsingen, der Waldau bei Bern und Neuchâtel zusammen. Der eindeutige Schwerpunkt aber liegt  in der Ostschweiz. Mit Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern sticht hier die Kantonale psychiatrische Klinik Herisau AR, früher noch Kantonale Heil- und Pflegeanstalt Herisau AR, stark hervor.

Die historische Sammlung Prinzhorn umfasst rund 6000 Werke. 1938 wurden seitens des Klinikdirektors Schneider aus der Sammlung Werke an die Wanderausstellung «Entartete Kunst» übergeben. Sie wurden als pathologisches Vergleichsmaterial zur Kunst der Moderne missbraucht und nach dem Krieg völlig vergessen. Jedenfalls bis… Ja bis Harald Szeemann die Sammlung Prinzhorn wieder neu entdeckte. «Nun holt die Ausstellung ‘Prinzhorns Schweizer’ erstmals die Schweizer Künstlerinnen und Künstler ‘nach Hause’», freut sich Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus.

Der vergessene Keramikkünstler vom Bodensee

Eine besondere Würdigung in der aktuellen Ausstellung  erfährt der Plastiker vom Bodensee, Karl Maximilian Würtenberger (1872 – 1933) aus Emmishofen TG. Noch nie wurde sein keramisches Werk seinen Zeichnungen gegenübergestellt, die in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau bei Achern entstanden sind und heute ebenfalls in der Sammlung Prinzhorn aufbewahrt werden. Zu sehen sind 32 Zeichnungen aus der Sammlung Prinzhorn und 21 keramische Arbeiten aus Privatbesitz und aus dem Museum Rosenegg, Kreuzlingen.

Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern aus Herisau

Eine der sieben ausstellenden Künstler/innen aus Herisau soll hier besonders vorgestellt werden. 46 Jahre lang lebte Gertrud Schwyzer in Psychiatrischen Kliniken.  28 Jahre davon wurden 1942 in der Krankengeschichte in nur wenigen Sätzen zusammengefasst. Maria Gertrud Schwyzer (1896 – 1970) geboren und aufgewachsen in Zürich, besuchte die Kunstgewerbeschule und arbeitete mehrere Jahre als Fotografin und als Zeichnerin am pathologischen Institut in Zürich. Nach verschiedenen Nervenzusammenbrüchen und mehreren Klinikaufenthalten wurde Gertrud Schwyzer schliesslich 1927 in die Appenzell-Ausserrhodische Heil- und Pflegeanstalt Herisau aufgenommen, wo sie bis zu ihrem Tod verblieb. Von Anfang an hat Gertrud Schwyzer gezeichnet und gemalt. «Ihre künstlerischen Aktivitäten wurden, solange diese den gängigen Normen von künstlerischem Können und bildlicher Schönheit entsprachen, mit Wohlwollen zu Kenntnis genommen, wie diesbezügliche Vermerke in ihren Akten belegen», das schreibt Anna Lehninger in «Begegnungen- Museum im Lagerhaus». Gertrud Schwyzers mehrere hundert Arbeiten umfassender Nachlass befindet sich  – mit Ausnahme eines Blattes, das nach 1935 in die Heidelberger Sammlung Prinzhorn kam –  im Besitz der Kantonalen Kunstsammlung Appenzell Ausserrhoden. Dieses Blatt ist in der Ausstellung im Lagerhaus ebenfalls zu sehen.

Nähen, Stricken und Häkeln wurde von den Ärzten generell als «nützliche Tätigkeit» eingestuft. «Internierte Frauen haben jedoch neben diesen Gestaltungsformen textile Objekte von subversiver Sprengkraft. sowohl ästhetischer als auch in inhaltlicher Hinsicht geschaffen», sagt Anna Lehninger. Gertrud Schwyzer adaptierte die ihr vertrauten Techniken für ihre eigenen künstlerischen Zwecke, deren Erzeugnisse jedoch leider nicht erhalten sind. Dazu zählen ihre ungewöhnlichen Hand- und Haar-Arbeiten. Neben Stoffstücken und Kleidern verwendete sie laut Akte auch das eigene Haar als Gestaltungsmittel, unter anderem für ein Haarkleid.

Bild Museum im Lagerhaus, St. Gallen

Die Ausstellung «Prinzhorns Schweizer» im Museum im Lagerhaus an der Davidstrasse 44 in St. Gallen dauert noch bis zum 4. März 2018. Eingebunden sind mehrere Rahmenveranstaltungen.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag, 14.00 bis 18.00 Uhr

Samstag, Sonntag und Feiertage 12.00 bis 17.00 Uhr

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