• Home
  • /Arbeit
  • /Stiftsbibliothek zeigt Frauenleben im Mittelalter – Eine sehenswerte Ausstellung
Stiftsbibliothek zeigt Frauenleben im Mittelalter – Eine sehenswerte Ausstellung

Stiftsbibliothek zeigt Frauenleben im Mittelalter – Eine sehenswerte Ausstellung

Die Stiftsbibliothek St.Gallen widmet ihre Sommerausstellung 2026 den weiblichen Lebenswelten im Mittelalter. Anlass ist der 1100. Todestag der heiligen Wiborada. Die Ausstellung zeigt seit dem 21. April 2026 die Vielfalt weiblicher Lebensformen zwischen Spiritualität, Macht, Alltag und Widerstand.

 

Herrscherinnen und Mägde, Äbtissinnen und Mütter, Rebellinnen und Heilige: Die Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St.Gallen beleuchtet die Vielfalt mittelalterlicher Frauenleben. Ausgangspunkt bildet die heilige Wiborada, die sich im 10. Jahrhundert als Klausnerin freiwillig in eine Zelle einschliessen liess, um ein Leben im Glauben zu führen. Sie beriet Ratsucher und warnte rechtzeitig vor einem drohenden Angriff, wodurch Kloster und Bibliothek gerettet wurden. Wiborada selbst wurde im Jahr 926 getötet – vor genau 1100 Jahren.

Panorama zu Lebensformen von Frauen

Ausgehend von Wiborada stellt die Ausstellung unterschiedliche weibliche Lebenswege im Mittelalter dar. Die Kuratorinnen Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr gliedern die Präsentation in verschiedene Rollenbilder: Klausnerinnen, Nonnen, Mächtige, Dienerinnen, Produzentinnen, Mütter und Widerständige. Damit eröffnet die Ausstellung verschiedene Perspektiven auf historische Lebensrealitäten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Wiborada schaut aus ihrer an die Kirche St.Mangen angebauten Zelle, vor der ein Mann mit Krücken steht. Der Legende (Vita II, 25) gemäss war er vom Teufel besessen. Wiborada erkennt seinen Zustand und treibt den Teufel aus, indem sie ihn bekreuzigt. Kirche und Klause sind detailreich dargestellt: eisenbeschlagene Tür, Butzenglasscheiben und auf dem Dach ein Storchennest. Der Zeichner ist namentlich nicht bekannt. Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 602, S. 324.

Früheste Zeugnisse weiblicher Schreibtätigkeit

Obwohl das Kloster St.Gallen ursprünglich ein Männerkonvent war, bietet der Bestand der Stiftsbibliothek bedeutende Zeugnisse weiblicher Geschichte. Dazu gehören zwei Briefe von Frauen aus dem Umfeld des Jahres 400 – seltene Beispiele früher weiblicher Stimmen. Ebenso bedeutend sind Handschriften aus dem Frauenkloster Chelles bei Paris, das im 8. und 9. Jahrhundert eines der führenden Skriptorien Europas war. Diese Quellen zählen zu den einzigartigen Dokumenten des frühen Mittelalters.

St.Galler Frauengeschichten

Neben anonymen Stimmen zeigt die Ausstellung auch konkrete Biografien aus der Region St.Gallen. Dazu gehören Regula Keller, die sich während der Reformation über Jahrzehnte widersetzte, die Hebamme Anna Bösch mit Einblicken in das städtische Leben sowie Barbara und Magdalena Dieth, die im 18. Jahrhundert eine Druckerei weiterführten. Ergänzt wird dies durch Persönlichkeiten wie Kaiserin Theophanu oder die Stifterin Gundis.

Der Brokatstreifen mit dem Namen «Gundis», der auf dem vorderen Spiegelblatt klebt, bezeichnet vermutlich die Stifterin des Evangelistars. Wer Gundis war, ist indes nicht bekannt. Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 54, vorderes Spiegelblatt.

Teil eines Jubiläumsjahres

Die Ausstellung ist in das Jubiläumsjahr zum 1100. Todestag Wiboras eingebettet. Die Stiftsbibliothek beteiligt sich mit verschiedenen Veranstaltungen, darunter die Wiborada-Rede. Auch Schulklassen sind aktiv eingebunden – etwa bei der Eröffnung, eigenen Ausstellungen oder dem Schweizer Vorlesetag.

Die erste Seite der Expositio libri comitis beginnt mit einer ausgestalteten Seite und Inititale, deren Formen die Handschrift eindeutig dem Skriptorium des Frauenklosters Chelles zuordnen lassen. Auf der ersten Seite wird die Form der Apostelbriefe erklärt. Das Kloster Chelles hatte ein wichtiges Skriptorium. Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 435, S. 2.

Begleitprogramm und Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit zusätzlichen wissenschaftlichen Beiträgen, unter anderem von der Oxford-Professorin Henrike Lähnemann sowie einem Essay zu einer literarischen Frauenfigur aus dem «Willehalm». Ergänzt wird die Ausstellung durch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Konzerten, Führungen, Vorträgen und einer internationalen Tagung Anfang Juni.

Die Federzeichnung der Inklusin von St.Georgen zeigt eine Frau in einer Zelle mit ihren beiden Dienerinnen. Die Bildbeischrift nennt die Namen: Clara und Agnes. Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 54, hinteres Spiegelblatt.

Ausstellung auf einen Blick

Die Sommerausstellung «Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter» findet vom 21. April bis 8. November 2026 in der Stiftsbibliothek St.Gallen statt. Sie ist täglich geöffnet und bietet vertiefte Einblicke in die Rolle von Frauen im Mittelalter.

Text und Bilder: Stiftsbibliothek St. Gallen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*