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Theologin Monika Hungerbühler: «Mein Herz schlägt für Gleichstellung»

Theologin Monika Hungerbühler: «Mein Herz schlägt für Gleichstellung»

Die Basler Theologin Monika Hungerbühler hat in der Offenen Kirche ihre Traumstelle gefunden – und sich nebenbei feministisch engagiert. Dies, ohne gross anzuecken. Nun wird die Co-Leiterin der Elisabethenkirche pensioniert. Sie plant eine Auszeit in einem italienischen Frauenkloster und arbeitet an einem feministischen Buch mit.

 

«Das hier ist meine Traumstelle», sagt Monika Hungerbühler (62) mit Elan. Die Co-Leitung der Offenen Kirche Elisabethen in Basel gefällt ihr. «So muss Kirche sein, so offen und so reaktionsfähig auf die Zeichen der Zeit.» Sie hat ins Café geladen, das in eine Ecke der Kirche eingebaut ist. Eine Treppe führt in die obere Etage. Vier Tische stehen da, drei spitze Kirchenfenster erinnern an die Örtlichkeit. Monika Hungerbühler sitzt ruhig da, antwortet überlegt.

Partnerschaftliche Leitung

An der Offenen Kirche gefällt ihr die partnerschaftliche Leitung, die sie gemeinsam mit dem reformierten Pfarrer Frank Lorenz innehat. Auch das befreiungstheologische Denken und Handeln und die Offenheit gegenüber allen Konfessionen und Religionen sind ganz in ihrem Sinn.

Hier lässt Monika Hungerbühler die feministische Theologie einfliessen, etwa mit der Organisation von ökumenischen Frauengottesdiensten. Oder mit einem Tag für geflüchtete Frauen und Kinder, unter dem Programm «Frau-sein». Mit «Da-sein» spricht die Kirche an weiteren drei Tagen Flüchtlinge an – Männer und Frauen. Und auch als Seelsorgerin ist Monika Hungerbühler gefragt. Immer wieder kümmert sie sich so um Einzelschicksale. Es gefalle ihr, Menschen zu «empowern». Ihnen zu helfen, ihren Weg zu finden.

Einen Fuss bereits drin

Vor zwölf Jahren hat die Basler Theologin die Stelle angetreten, im November 2009. Dazu gekommen ist sie nicht über den üblichen Bewerbungsweg. «Mir wurden die Stellen immer angeboten», sagt sie. Ein wenig nachgeholfen hat sie schon. Sie hatte bereits einen Fuss drin in dieser Citykirche. Denn von 1999 an war sie da ehrenamtlich tätig. Sie hat Seelsorgegespräche geführt, Pfingst- und Feierabend-Gottesdienste gestaltet.

Und sie wirkte in der Findungskommission der Elisabethenkirche mit. Gesucht wurde 2009 eine katholische Theologin für die Co-Leitung der ökumenisch organisierten Kirche.  »Wir haben erst keine geeignete Frau gefunden», erzählt sie. Da habe die damalige Sigristin plötzlich gesagt: «Ich wüsste jemanden: dich.»

Das scheint Monika Hungerbühler unerwartet erwischt zu haben. «Ich leitete damals die Frauenstelle der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt und wünschte mir eigentlich eine neue Kollegin in der Offenen Kirche Elisabethen.» Doch dann überlegte sie es sich – und bewarb sich offiziell.

«Unser dreifaches Engagement – sozial, kulturell und spirituell – funktioniert seit Beginn und bis heute», sagt Monika Hungerbühler überzeugt. Und gleichzeitig frage sich das Team immer wieder: In welche Richtung wollen wir uns jetzt verstärkt engagieren?

Regenbogenfahne gehisst

Aktuell zeigt sich die Kirche offen gegenüber Menschen, die nicht heterosexuell orientiert sind. Sie liess die Regenbogenfahne hissen – und erhielt im Juni prompt das Swiss LGBT-Label – als erste kirchliche Institution – neben grossen und kleinen Firmen. Dazu gehört auch: «Für mich und Frank Lorenz war es klar, dass wir das Gottesbild diversifizieren wollten.»

«Mein Herz schlägt für die Gleichstellung», sagt Monika Hungerbühler. Die Tochter eines römisch-katholischen Vaters und einer christkatholischen Mutter, die dann römisch-katholisch wurde, ging als Kind sonntags zur Kirche, war aber in der Pfarrei nicht besonders engagiert, «da ich als Mädchen nicht Ministrantin sein durfte», so Hungerbühler. Sie war nur kurze Zeit in der Pfadi aktiv.

Jesuiten wecken Interesse an Religion

Ihr Interesse an der Religion wurde im Gymnasium geweckt. Wie andere katholische Gleichaltrige verbrachte sie viel Zeit im damaligen Basler Jesuitenzentrum Borromäum, auch ausserhalb des Religionsunterrichts. «Ich wurde da von Jesuiten erzogen», sagt sie dazu. «Das war der Türöffner.» Im Borromäum sei sie zum Kinofan und zur Theologin geworden.

Gleichzeitig merkte sie früh: Da ist etwas ungerecht in der Welt und in der Kirche. Im Studium ging sie dem näher nach. «Wenn Gott ruft, sind alle gemeint, also auch ich», befand sie. Und sie beschloss, sich mit anderen zu verbünden, die sich für Reformen in der Kirche einsetzten. Das Ziel war das Reich Gottes. Und eines der Hauptbilder, die die Theologin von Gott hat, ist die Gerechtigkeit.

«Ich war eine Grüblerin, Fragerin und Gerechtigkeitssucherin», sagt Monika Hungerbühler über ihre Jugendjahre. Sie lernte an der theologischen Fakultät Luzern die feministische Theologie kennen. «Aber erst in Tübingen ging es richtig los», sagt sie.

Studium bei Koryphäe feministischer Bibelforschung

Da hatte die US-amerikanische Theologin Bernadette Brooten eine Gastprofessur, eine Koryphäe in der feministischen Bibelforschung. Unter ihr gleiste Monika Hungerbühler ihre Diplomarbeit auf: Über Tekla, eine Christin zur Zeit von Paulus. Diese taufte und predigte wie die Jünger. Nachzulesen ist dies in den Apokryphen. Das sind Schriften, die im Laufe des Kanonisierungsprozesses vom 4. bis 6. Jahrhundert aus der Bibel gestrichen wurden.

Die Rückkehr nach Luzern war «ein Schock», erzählt Hungerbühler. Da war ihr Ansatz in der Lehre völlig unbekannt. «Ich musste einen wichtigen Teil meiner Arbeit streichen». Heute wäre das anders, ist die Theologin überzeugt. Nun würden die apokryphischen Schriften in die Forschung mit einbezogen.

Zu Wort gemeldet

Monika Hungerbühler hat sich immer wieder öffentlich geäussert. «Wenn es wichtig war, habe ich mich zu Wort gemeldet», sagt sie. So schrieb sie gemeinsam mit Jacqueline Keune eine Stellungnahme zum Austritt von sechs prominenten Katholikinnen. Sie sandte mit anderen Theologinnen 20 Forderungen an den Bischof von Basel – und wurde zum Gespräch geladen. Beim Papstbesuch in Genf forderte sie Platz für Theologinnen und Theologen neben den Priestern. Dieses Engagement sei nicht ihre Hauptbeschäftigung gewesen, sagt Monika Hungerbühler. Es sei quasi mitgelaufen.

«Ich wollte mir nicht den Kopf an den Wänden blutig schlagen», sagt sie. Sie sage zwar gern ihre Meinung. «Aber ich habe keine Freude am Streiten.» Und vor allem: Sie kann unterscheiden zwischen der kirchlichen Struktur und den Menschen. «Die Menschen stehen für mich immer im Vordergrund», sagt sie. «Jeden Morgen spüre ich im Gebet oder in der Stille neue Kraft, mich mit einer Situation und anderen Menschen zu versöhnen oder einen Weg zu suchen.»

Damit ist sie offenbar gut gefahren. Die Missio für ihr Wirken in der Offenen Kirche hat sie. Nur an einen Konflikt mit ihrem Bischof – damals Kurt Koch – erinnert sie sich: Als sie als «Wort-zum-Sonntag»-Predigerin die Nichtanstellung eines homosexuellen Kollegen kritisierte. Sie glättete die Wogen mit einer Entschuldigung, die von ihr verlangt wurde.

«Strukturell sind andere Kirchen Klassen besser», sagt Monika Hungerbühler. Sie hat sich ab und zu überlegt zu konvertieren. Doch in der Praxis hat sie gesehen: Viel hängt von den beteiligten Personen ab. Und auch anderswo herrscht nicht das Paradies auf Erden.

Eine Art WG-Leben mit Schwester-Familie

Das scheint sie sich privat eingerichtet zu haben: Monika Hungerbühler wohnt «wie in einer WG» im Haus ihres Schwagers in Basel-Ost. In je separaten Wohnungen leben sie und ihr Mann, respektive ihr Schwager, ihre Schwester und ihr Neffe. Ihre eigenen erwachsenen Kinder sind ausgezogen. «Wir haben ein schönes Zusammenleben», sagt Hungerbühler – Hund, Hase und Katze inklusive. Kochen, Wäsche, Feste – vieles machen sie gemeinsam.

Das wird ihr bleiben. Auch nach der Pensionierung Ende Januar. Mit einer «urbanen Jodlermesse» wurde die Co-Leiterin von der Offenen Kirche am 16. Januar verabschiedet. Ihr gefällt die Musik des Duos «Echo der Feldbergstrasse». Bei einem dieser Musiker hat sie ein halbes Jahr Jodeln gelernt. «Das höre ich sehr gern», sagt sie.

Lourdes aus Frauensicht

Pläne für nachher hat Monika Hungerbühler bereits: Mit den beiden katholischen feministischen Theologinnen und Schwestern Doris Strahm und Silvia Strahm Bernet ist ein Buch über die Geschichte der feministischen Theologie in der Schweiz unterwegs. Sie plant auch eine feministische Gruppenreise nach Lourdes. Und im Mai und Juni nimmt sie sich eine Auszeit in einem kleinen Benediktinerinnenkloster in den italienischen Marche. Und dann sind da noch ihre Engagements: im Vorstand des Katholischen Frauenbundes Basel-Stadt, in drei Stiftungsräten und in der theologischen Sommerakademie in Berlin.

Text: @Regula Pfeifer / Text und Bild: kath.ch

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