Wo Frauen Spuren hinterlassen

Wo Frauen Spuren hinterlassen

«Frauen Spuren» nennt sich das kürzlich erschienene neue Buch von Frauenspur Gossau, mit 28 berührenden Lebensgeschichten  von Gossauer Frauen. Diese Geschichten widerspiegeln gleichzeitig das Leben einer Kommune im 20. Jahrhundert.

 

Die Zeit war von bitterer Armut und eingeschränkten Frauenrechten geprägt. Aber es war auch die Zeit des Aufbruchs und des erwachenden Selbstbewusstseins der Frauen. Begleitend den Lebensgeschichten, das kleine Kapitel: «Gut zu wissen». Hier wird jeweils auf wichtige Ereignisse in Gossau, im Kanton St. Gallen und in der Schweiz hingewiesen.

Gossauer Frauen haben in der Vergangenheit viel geleistet und Entscheidendes bewirkt, doch sie standen immer im Schatten der Gesellschaft. Die öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung hinkt gewaltig hinterher. «Das wollen wir mit dem Projekt Frauenspur ändern und das Schaffen zahlreicher Gossauerinnen des 20. Jahrhunderts würdigen», betont die Projektinitiantin Brigitte Hollenstein-Gemperle.

Vor gut drei Jahren sei sie gestartet, zusammen mit Monika Walpen und Katharina Lehmann. «Seinerzeit hatten wir drei Projekte ins Auge gefasst: ein Frauenarchiv und eine Website zu erstellen und eventuell ein Buch herauszugeben», so Brigitte Hollenstein. Dieser Vorsatz ist bestens gelungen. Mittlerweile besteht das Organisationskomitee aus Monika Walpen, Annelies Egli, Marion Loher und Brigitte Hollenstein-Gemperle. Das initiative Team will diesen Januar den Verein «Frauenspur Gossau» gründen, und weitere Projekte prüfen.

«Eigentlich wollten wir gar kein Buch machen, aber das Bedürfnis danach war sehr gross. Also musste ein Buch her. Wir fokussierten uns auf das 20.Jahrhundert. Neben Lebensgeschichten von Frauen, die ihr Leben bereits vollendet hatten und ihre Spuren in Gossau hinterliessen, sollten auch Blicke auf die Gossauer Geschichte dieser Zeit geworfen werden. Das 20. Jahrhundert war ja besonders spannend: Zwei Weltkriege, altes Eherecht, fehlendes Frauenstimmrecht, auch die Zeit der Stickerei spielt noch eine gewisse Rolle» betont Brigitte Hollenstein.-

Am Anfang der Recherchen ahnte das Projektteam nicht, was man finden würde. Aber schon bald schälte sich heraus, was beispielsweise die Vadiana und das Frauenarchiv diesbezüglich zu bieten hatten. «Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus», freut sich Brigitte Hollenstein. «In den vergangenen drei Jahren haben freiwillige Spurensucherinnen in den Archiven gestöbert und in Zeitungen, geblättert, Nachrufe digitalisiert, Interviews geführt und Lebensläufe geschrieben. So sind mittlerweile über 70 Geschichten entstanden, die das Leben von unterschiedlichsten Gossauerinnen zeigen: von solchen, die Geschäft und Familie zusammenhielten, während der Mann im Aktivdienst, an der Grenze zu Deutschland oder anderen strategisch wichtigen Orten innerhalb des Landes stationiert war. Frauen, die Kinder grosszogen oder Organisationen gründeten, die sich kurz nach der Einführung des Frauenstimmrechts in die Politik wagten oder sich mutig gegen die gesellschaftlichen Konventionen stellten und ihrer grossen Liebe in die Fremde folgten», heisst es im Vorwort des Buches.

Aus den mehr als 70 Geschichten musste das Projektteam 28 auswählen, was schwierig genug war. «Mir hat es grossen Eindruck gemacht, wie mutig, stark und voller Gottvertrauen diese Gossauer Frauen waren», betont Brigitte Hollenstein. Das Buch «Frauen Spuren» ist sehr gefragt, auch überregional, erhältlich in der Buchhandlung Gutenberg in Gossau. Und zur Nachahmung empfohlen, sagt Brigitte Hollenstein schmunzelnd: «Im Prinzip könnte jedes Dorf, jede Stadt mutige. Frauengeschichten sichtbar machen.»

Frauen Spuren: ISBN 978-3-033-08786-6

 

Hier finden Sie die Spurensucherinnen!
Vor 50 Jahren: Adjeu Fräulein

1972 werden über Nacht Tausende von St. Gallerinnen fast ganz ohne Mann zur Frau, denn zu verdanken haben sie den neuen Zustand ihrem Regierungsrat. Er hat nämlich angewiesen, volljährige weibliche Personen mündlich und schriftlich nicht mehr mit Fräulein, sondern mit Frau anzusprechen,-sofern sie dies nicht anders wünschen. «Sowenig es jemand einfallen würde, einen Junggesellen – gleich welchen Alters – mit Herrlein anzureden, sowenig sollen unverheiratete Frauen inskünftig verpflichtet sein, bis ans Ende ihrer Tage als Diminutiv durchs Leben zu wandeln», meint die NZZ. Aus Fräuleins werden also Frauen –  vorerst regional.

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